Der Affenspiegel: satyrische Wochenschrift — 1901

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Der Affenspiegel.
Nirgends wird so viel von Ehre nnd Moral
geschwefelt als in unserer „Gesellschaft", d. h. bei den Individuen,
die so entschiedene Anhänger Darwins sind, daß sie behaupten,
sie allein hätten Anspruch auf den Ehrentitel „Mensch",
weil der Mensch erst bei ihnen beginne. In Wahrheit
hat der Affe seine Kulturarbeit bei ihnen unterbrochen, so
daß sie auf absehbare Zeit wohl immer noch als praktische
Exempel Darwinscher Theorie gelten dürfen. So allein
lassen sich all die kleinen Lächerlichkeiten und Bosheiten derer
„vom besseren Stoff" erklären, wie u. A. ihre ausgeprägte
Vorliebe für Spiegel — die bei allen Affen zu finden ist —.
Gar zu gerne halten sie Denen, die die Affenperiode bereits
überstanden, ihren Spiegel vor, den sie geschmackvoll
„Moral" titulieren. Leider ist dieser Gesellschaftsspiegel
in letzter Zeit recht dreckig geworden und fängt auch bereits
infolge zunehmenden Alters zu erblinden an, so daß wir ihn
durch einen nenen ersetzen müssen, der ziemlich scharf geschliffen
ist und den wir seiner nützlichen Bestimmung zufolge
„Affenspiegel" neunen wollen.
Der Affenspiegel ist für die Individuen geschaffen,
die sich gleich den Urwaldsakrobaten auf die Kletterkunst
wie kein anderes Vieh verstehen, so daß sie mit „affenartiger
Geschwindigkeit" die höchsten und schlüpfrigsten Ehrenstellen
erklimmen, ferner für die, welche die Speichelleckerei
mit Vorliebe betreiben, worin sie sich von den Orang-Utangs
ältester Sorte nicht vorteilhaft unterscheiden, und für die,
welche, trotzdem sie viele Jahrtausende hiezu Zeit gehabt,
noch nicht im stände waren, sich ein steifes Rückgrat
anzueiguen, das sich zum Klettern ja allerdings schlecht eignet.
Nachdem aber der Bauch ein sehr edler, für dir meisten
Menschen sogar der edelste Körperteil ist, will i'Hnen der
Affenspiegel empfehlen, ihn nicht als Fortschritts-
objekt zu mißbrauchen; überdies kriecht sich's auf dem Bauche
leichter rückwärts statt vorwärts, und dieser Krebsgang, auch
„Reaction" genannt, liegt manchen sonst ganz gesunden
Menschen schwer im Magen. —
Wir werden nun diesen Tenfelsspiegel Affen vorhalten,
deren Grimassen schon bis zur Unkenntlichkeit verfeinert
sind und die bereits Herz und Körper — bis auf den Hirn-
kasten, den sie vergessen — kultiviert haben, Schafsköpfen,
denen die liebliche Dummheit aus den Augen grinst und die
so unverschämt blöken, daß die gewiegtesten Leithammel
ältester Zeiten keine Methode in ihre Sprache bringen konnten,
Eseln, die zur Vorsicht Brillen tragen nnd zu Allem „Ja"
schreien, weil dieses Wort ihren ganzen Sprachschatz ausmacht,
ja, auch Rindvieh wird sich in dem Spiegel begucken
können, der zur Vorsicht nicht rot angestrichen wurde, weil
die Stiere dadurch leicht in Wut geraten, was durchaus nicht
in unserer Absicht liegt.
Unsere Devise ist:

„Der Wahrheit zur Freude, der Dummheit zu Leide."
Der Affenspiegel soll Allen die Wahrheit sagen,
zumeist Denen, die sie nicht hören wollen, und er wird die
Sittlichkeit und Moral, wie sie unter Affen Mode ist, un-
verfälscht reproduzieren, selbst auf die Gefahr hin, daß die
Sterne in den Knopflöchern zu wackeln beginnen.
Der Affenspiegel wird Allen eine Freude bereiten,
die infolge Arbeitsüberlastung keine Zeit finden, die Dar-
win'schen Exemplar in der Nähe zu betrachten — es
befinden sich etliche nicht zu unterschätzende Prachtexemplare
darunter —, und er wird so lauge sein Licht leuchten lassen,
als die Herren Staatsanwälte diesen Genuß mit keiner
Diätensteuer belegen. O. U.

politischer
Firlefanz.
orgen, und nicht geringe, bedrücken
die „Welt". In China brennt es
noch immer, und die internationale
Feuerwehr hat sich bis jetzt nur die
Finger verbrannt und die Zierde
aller Kriegsgeräte, das Asbesthaus, durch die Flammeu verloren.
Die gelben Hunde wollen sich noch immer nicht die Civilisation
mit kulturellem Gewehrkolben auf die Gedärme stempeln lassen,
Prinz Tuans Kopf wackelt zwar beständig, fällt aber absolut nicht,
die alte Chinesenkaiserin erfreut sich trotz des Anblicks der Preußen
absoluter Gesundheit, und nur die europäischen Soldaten haben
sich mit all den „Liebesgaben", die sie von ihren Unteroffizieren
erhalten, die Mägen verdorben. Es steht nicht gnt in China, am
wenigsten für Deutschland, das bekanntlich die größte „Sühne"
zu fordern hat, weil sein Portemonnaie am schwächsten ist. Wir
möchten den Vorschlag machen, die Brotwucherer nach China zu
senden und die schlitzäugigen Barbaren aushungern zu lassen. Das
kann aber niemand besser verstehen als die ostelbischen Junker,
die merkwürdiger Weise auf einmal im stände sind, nein zu
sagen. Wie man der preußischen Regierung gegenüber nein sagen
kann, ist uns unbegreiflich; schließlich leben die Minister doch auch
von „Liebesgaben", und es ist unchristlich, ihnen diese vorzuent-
halten, besonders wenn man es mit einem so artigen jungen Mann
zu thun hat, wie Graf Bülow ist, der sich als guter Freund in
den schwierigsten Lagen bewährt, wie Posadowsky, der an
12,000 Mark einmal fast erstickt wäre, bezeugen kann. Graf
Bülow hat ihn trotz des moralischen Pultdcckelprotestes der „bösen
Buben", auch Sozialdemokraten genannt, über Wasser ge-
halten, und nun wollen die Comilitonen Posadowskys das liebste
Kind Bülows ins Wasser fallen lassen? Das ist nicht schön.
Wie wäre es, wenn die konservativen es einmal praktisch mit
der Pultdeckelpolitik versuchen würden? In Österreich ist das eine
althergebrachte Sitte — allerdings nicht bei den konservativen —
und hat dieselbe nicht geringe Erfolge anfzuweisen, wie man denn
im österreichischen Parlamente überhaupt dem deutschen weit voraus
ist. „Spitzbube, Hallunke, Lump" u. A. gehören dort zum guten
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