Der Affenspiegel: satyrische Wochenschrift — 1901

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Sehenswert ist in München vor Allem die Räucherküche in der
Residenzstraße, die dereinst den Königen als Wohnsitz gedient hat,
serner das Hofbräuhaus, das königlich ist, die Reuhauserstraße, die
international, die Bavaria, die national ist.
Das Hofbräuhaus dient als Sanatorium für Münchener Lungen-
kranke und sind die Erfolge immer mehr im Steige» begriffen.
Sehenswerter ist die Neuhauserstraße, eine der ältesten und ele-
gantesten Straßen Europas, um welche München von allen Städten
des Lontinents beneidet wird, verschönert wird der Anblick dieser
Straße durch die alten Vestalinnen Roms, die dafür zu sorgen haben,
daß das heilige Feuer, das in München wohnt, nicht erlischt, was ja
bekanntermaßen schon ihre Aufgabe in der Tiberstadt gewesen. Diese
Priesterinnen wohnen größenteils im schönst gelegenen Teile der Stadt,
der Bavariahöhe. Allen Fremden, besonders chinesischen Missionären,
sei die Besichtigung dieses Stadtviertels, das das letzte erhabene
Monnmentalwerk einer mächtigen, schwindenden Kultur ist, bestens
empfohlen.
In diesem Stadtteile steht auch die Bavaria, eine gußechte
Inngfrau, und, wie Bädecker behauptet, überhaupt die einzig echte,
die München aufzuweisen hat. Um geringes Lnträe ist die genaue
Besichtigung der Innenränme dieser unmenschlich großen Dame
polizeilich gestattet; man hat da die schönste Aussicht Münchens.
Was die Eingeborenen selbst anbelangt, so muß ich sagen, daß

es ein ganz eigentümlicher Menschenschlag ist mit modern
symbolistisch-mystischen Körxerformen. Bekanntlich ist Schiller bei
seinem Münchener Aufenthalt in ein Damenbad geraten, wo ihm
die Worte entschlüpften: Der Mensch versuche die Götter nicht und
begehre nimmer etc. etc; daraus enstand dann der Taucher.
Auch eine große Vorliebe für bunte Farben zeigt ein Teil der
Münchener Einwohnerschaft, doch hat sich das Rindvieh bereits
daran gewöhnt. Auch der Münchener Höflichkeit möchte ich noch
einige Zeilen widmen, vor Allem rate ich allen Fremdlingen, die
uneingeweiht die Gefilde Zsaralhens betreten: Seiet höflich, denn
Höflichkeit ist in München die erste Bürgerpflicht für — Nichtmünchener.
Wirft euch ein Münchener aus Gutmütigkeit über den Randstein, so
bittet ihn sofort um Entschuldigung, denn er hält etwas auf Etikette
und duldet keine Rohheit bei Anderen.
Doch nun will ich wieder auf die Sehenswürdigkeiten Münchens
zurückkommen. Ich will kurz die wichtigsten anführen, als da sind:
Die Pinakotheken — der offizielle Rendez-vons-Platz für Liebespaare —
— das Ballet, eine antike Realitätensammlung ff. —, der Modellmarkt
an der Akademie, — das Gemeindebevollmächtigtenkollegium — eine
Sehenswürdigkeit ersten Ranges —, der Zustizpalast — großartig! —,
die Kellnerinnen und die Münchener Trambahn, die an Schnelligkeit
nur mehr von der Sekundärbahn Kleinpimpn-Krähenwinkel über-
troffen wird. Doch davon das nächstem«!! Fritz.


OUairsons.
Weiil Testament.

Wenn ich einmal muß lassen
Von Leben, Lieb und Wein,
Dann sollen die Vagabunden
Testamentsvollstrecker sein.
Und solches ist mein Wille:
Ich laß' Euch ein Lied voll Plaisier,
Das singet den Affen der Sitte
Und sagt — es sei von mir!
Ich schenk' Euch einen Beutel
— Mein Sinn war nie so leicht —
D'rin sucht, ob's zum Begräbnis
Mit einem Pfaffen reicht!
Begrabt mich an der Straße,
Wo alle Narren ruh'n,
Denn ich bemühte mich redlich,
Es ihnen gleich zu thun.
Dann hört: Der wertvollste Nachlaß
Will mir nicht aus dem Sinn:
Ich laß' Euch als trauernde Wittib
Die schönste Zigeunerin-
Fragt nicht, woher sie stammet —
Sie weiß es wohl selbst nicht genau;
Doch mein' ich, ihre Mutter
War eine fahrende Frau.

Sie besitzt so unendlich viel Leichtsinn
Und so viel süßeste Lieb,
Daß ich solch reichliche Mitgift
Wohl nur dem Würdigsten gieb'.
Den sollt ihr suchen: Der Jüngling,
Wiegt einen Scheffel voll Gold,
Der so wie ich seine Jugend
Und seine Liebe vertollt —
Der so wie ich kann lieben,
Den die Spießer hassen wie mich,
Der so auf das Leben kann pfeifen,
Und so es verlachen wie ich.
Der Glück und Herzen kann stehlen
Mit mir vergleichbar als Dieb —
Der erbe die reichste Wittib
Und nehme sie sich zum Lieb.
Doch darum bitt' ich sie beide:
Die allererste Nacht
Weiht dem, der testamentarisch
Euch glücklich zusammengebracht.
Wenn ihr in schwüler Stunde
Euch in Jasmin versteckt —
Schenkt mir die wildesten Küsse,
Den keine Lust mehr erweckt! k. n
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