Der Affenspiegel: satyrische Wochenschrift — 1901

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Seite 10. „Der Affenspiegel". Heft 2.

Marga: Weshalb sagen Sie das in solch eigentümlichem
Ton? (Wirft sich anf ein Ruhebett.) Sie kommen selbstverständlich
heute Abend?
Berghvff: (traurig) Nein.
Marga: Nein? Warum denn nicht? Das wäre denn doch
mehr als —
Berghvff: Unhöflich — nicht wahr? Allein cs ist bloß —
ehrlich. Ich muß Abschied von Ihnen nehmen.
Marga: (gleichgiltig.) Wollen Sie verreisen?
Berghvff: Ja.
Marga: So schieben Sie die Reise eben auf.
Berghvff: Das kann nud darf ich nicht thun.
Marga: Wieso? Was ist denn das für eine furchtbare
Reise? Dauert sie lange?
Berghvff: Sehr lange.
Marga: Wann kommen Sie denn dann zurück?
Berghvff: Nie mehr.
Marga: Nie mehr'« Nie mehr? Das klingt ja ganz
mysteriös! Haben Sie ein amerikanisches Duell?
Berghvff: Nein.
Marga: Sind Sie Defraudant?
Berghvff: Auch nicht.
Marga: Wie soll ich dann das verstehen?
Berghvff: Ich muß mich flüchten.
Marga: (Sieht ihn voll und aufmerksam an, mit einein
spöttischen Lächeln.) Aber Sie haben doch nichts verbrochen! Vor
lveni müssen Sie denn fliehen?
Berghoff: Vor mir selbst. Und vor meiner Leidenschaft.
Marga (lachend, sich vorbeugend und ihm in die Augen
sehend). Ach, Sie sind verliebt? Wie interessant!
Berghoff: Weshalb spielen Sie mit mir? Grausame!
Haben Sie ein so schlechtes Gedächtnis? Habe ich es Ihnen nicht
hundertemal in die Ohren geflüstert, daß ich Sie liebe, rasend liebe?
Haben Sie jenen Abend vergessen, wo wir vor dem Marmorbilde
uns küßten — Ivo —
Marga: Genug! Schweigen Sie; ich darf Sie nicht länger
anhören (steht auf). Ich habe kein so schlechtes Gedächtnis, nm
das zu vergessen.
Berghoff: Nun gut. Ich habe eine Zeitlang geglaubt —
(tritt anscheinend erregt ans Fenster). Ich werde mich nach Afrika
einschiffen. Werde Gefahren anfsnchen und versuchen, mich zu be-
täuben. Vergessen kann ich nicht mehr.

Marga (mit befriedigtem Lächeln): Das sollen Sie nicht,
Baron. Bleiben Sie. Sie können sich auch hier — betäuben.
Berghoff: Hier bleiben? Ich könnte es nicht; znsehe»,
wie die Fran, die ich bis zur Tollheit liebe — in den Armen
eines Andern — nein, ich kann nicht einmal daran denken. Ich
muß fort.
Marga (tippt mit den Fußspitzen und sieht ihn durch die
Wimpern von unten her beobachtend an). Nein. Es muß nicht
sein. Sie sind doch ein Mann? Ich habe sogar gehört, daß Sie
Gefahren lieben! Weshalb wollen Sie -— flüchten?
Berghoff: Ich liebe Gefahren, ja. Allein hier handelt
es sich nicht nur nm mich, sondern auch um — Ihre Sicherheit.
Deshalb fliehe ich.
Marga: Meine Sicherheit? Sie sind sehr kühn, Baron.
Wenn ich Sie nun aber trotzdem auffordcrc, zu bleiben?
Berghvff: Sie wollen mit mir spielen. Meine Qualen
verursachen Ihnen Befriedigung Ihrer Eitelkeit, weil Sie nie etwas
für mich gefühlt.
Ai arg a: Sic werden ungezogen, Baron.
Berghoff: Um nicht schwach zn werden. Ich will nicht
schwach werden. Leben Sie wohl!
M arga: Also gehen Sie, Starrkopf, wenn Sie cs durch-
aus so wollen.
Berghoff: Ja — denn ich kann nicht leicht Verzicht
leisten — ich werde mich selbst überwinden müssen.
Marga (ihm die Hand zum Kusse reichend): Sie können
nicht Verzicht leisten. Gut.
Ich auch nicht —
Reisen Sie. Aber reisen Sie zum Nordkap. Machen Sie
eine Nordlandsreise. Vielleicht brauchen Sie sich nicht zu über-
winden — —
Berghoff: (ihr heiß und lange die Hand küssend) Ich
danke ihnen — Marga. Ich werde nach Norden fahren und —
hoffen. Denn ich liebe Sie —
Marga: Anf Wiedersehen! (windet sich los und eilt ab.)
Berghoff: (allein Hnt und Stock in der Hand): Das
hat er davon. Das Schwimmbad ist fertig. So verliert man
nur einen braven Freund um den andern. Um ihn thut es mir
leid — aber — (im Abgehcn) ich habe ihn gewarnt — es ist
seine Schuld — —

„Der Lffenspregel".
^atyrische Wochenschrift. Herausgeber: Robert Heymann.
Erscheint 4 mal monatlich, jeder Donnerstag.
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