Der Affenspiegel: satyrische Wochenschrift — 1901

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Seite 2.

„Der Affenspiegel".

Heft 3.

Eine königliche Entbindung.


Es war einmal ein König, der war fürchterlich dumm,
wie das bei märchenhaften Königen öfters der Fall gewesen
ist. Dieser König heiratete ein Hoffräulein zwischen zwanzig
und sechzig Jahren, weil sie der guten Hoffnung war, dermal-
einst noch durch irgend Jemanden ein Kind zn bekommen.
Mit großem Glanze und vielen Festlichkeiten ward die Hoch-
zeit begangen, und als böse Menschen dem König sein Herz-
liebchen stehlen wollten, da ließ er ihren Palast mit Bomben
und Granaten sicher umstellen. Auf die Hochzeitsnacht ver-
zichtete das du-rchlauchte Paar, da es Wiederholungen nicht
liebte, und weil überhaupt beide sehr poetisch veranlagt waren
und ihre Nächte anders zu nennen beliebten. Der König
freute sich nenn Monate lang — drei Monate schon vor der
Hochzeit -- unendlich auf einen Erben, denn nur ein Erbe
konnte es sein, wo so viele Begleitumstände mitgewirkt hatten.
Die Königin sah mit banger Besorgnis dem im Hofkalender
bereits unwiderruflich gelb angestrichenen Tage der Nieder-
kunft entgegen.
Endlich brach er an, und donnernde Kanonenschüsse
verkündeten der Welt das eminente Ereignis, daß der König,
wohlverstanden gerade der König, ein Kind bekomme —
natürlich von der Königin auf allergnädigstem Gnaden-
wege ?
Die Aerzte sind vollzählig in dem großen Prunkgemache
versammelt, das eigens für königliche Nieder- und Zusammen-
künfte geschaffen und mit allem Komfort der Neuzeit ausge-
stattet war, und harren der kommenden Dinge oder viel-
mehr des Dinges, das da angeblich kommen foll. Der Ober-
leibarzt untersucht die fchwerathmende Königin nochmals ein-
gehend, und fünfundzwanzig Hebeammen, die erst tags zuvor
zu königlichen Oberhofleibhebedamen ernannt worden waren,
streiten sich nm die königliche Oberhofleibspritze.
Totenstille herrscht —
Plötzlich stöhnt die leichenblasse Königin, die infolge
der Erwartung sichtbar abmagert, laut auf —
Alle Aerzte schreien: „Ah", und gruppieren sich um
das königliche Leibbett, das die Königin noch aus ihrer
Jugendzeit zu steter Erinuerung an ihre schlaflosen Nächte
sich aufbewahrt, und die königlichen Hebedamen stürzen sich
hilfsbereit auf den allerköniglichsten Körper.
„Es kommt" schallt's in herzerschütternden Jubel-
rufen durch's ganze Schloß. „Es kommt" tragen die
Kuriere in die Welt, und die königlichen Hofleibphotographen
rücken in dem Kabinette an, um den erhebendsten Augenblick
im Leben einer Königin unwiderruflich im Moment zu
verewigen.
Leise fragt Plötzlich die Königin, die immer magerer wird:
„Was soll denn eigentlich kommen?"
„Der erlauchte Prinz, o Königin!"
„Aber der muß doch erst durch etliche Straßen Belgrads
getragen werden, also kann er noch nicht kommen" — —
„Sie phantasiert schon" nicken sich die Aerzte ver-
ständnisinnig zu. Die Königin schlummert ein —
„Bei solchen Königinnen kommt's im Schlaf", meint
wichtig ein orientalischer Arzt mit einem Weltruf und alle
Kollegen erschauerten vor dieser erhabenen Weisheit.
„Ich kann Ihnen zum Beispiel einen Fall erzählen,
meine Herren Kollegen", fuhr der berüchtigte Chirurg zu
sprechen fort, „wo einem Könige im Morgenlande Alles im
Schlafe kam. Leider verlor dieser wunderbare Kalif Alles
wieder im Schlafe, und einmal sogar den Verstand, so daß
wir beinahe glaubten, er werde nicht mehr regieren können.


Allein er konnte auch ohne Verstand seine Krone tadellos
am Haupte halten — —"
Eben dröhnte der schallende Nus des Königs durch die
Stille und unterbrach den Sprecher:
„Ist er noch nicht da?"
„Nein, o König."
„Aber zum Teufel, wofür sind Sie denn gerufen?
Ich will, daß er sofort Homme."
„Aber--"
„Nichts aber. Er hat sich zu beeilen, wenn ich es
haben will. Bin ich König oder nicht?"
Die Königin erwachte und hörte die letzten Worte ihres
Gemahls: „Ach, mein teuerer Ehegesponse" flötete sie süß,
„er ist ja fchon am Wege. Nach ein paar Minuten — vor
fünf Uhr war er ja nicht bestellt — —"
„Sie träumt" flüsterten Alle, und der König vergoß
Thränen der Rührung.
„Hast Du große Schmerzen, meine Königin?"
„Ja, mein Gemahl, entsetzliches Wühlen in den Ge-
därmen. Ich glaube, das Kind konnte den Rhabarber nicht
vertragen. Könntest Du nicht alle diese Leute einen Augen-
blick aus dem Zimmer gehen heißen?"
„Aber warum?"
„Ach, ich verspüre einen Druck im ..."
„Aber da müssen ja sofort Alle helfen!"
„Nicht, mein Gemahl. Es ist kein außergewöhnlicher
Druck, sondern ein alltäglicher; dazu brauche ich keine Hilfe."
„Ich verstehe" nickte der König, „Du phantasierst nicht
mehr. Wie lange wird der Erbe denn noch ausbleiben?"
„Schlag fünf Uhr habe ich ihn bestellt!"
„Wie?" frug erstaunt der König.
„Ich meine", lächelte verwirrt die Königin, „ich werde
mich beeilen, daß er bis fünf ankommt."
„Gut so, mein Täubchen", antwortete der König und
gab Befehl, daß alle Aerzte und Hebedamen hinausgingen,
weil die Königin eine Privatangelegenheit noch schnell zu
regeln Hütte.
Alle gingen ins Nebenzimmer, wo sie in Eile dinierten.
Der König ging auf Wunsch der Königin ebenfalls zu
den Andern.
Eben schlug es fünf Uhr — —
Plötzlich tönt ein Schrei, ein kleiner, winziger Kinder-
schrei —
Alle stürzen wie rasend in das königliche Entbindungs-
kabinet. Eine unbekannte, dickleibige Frau entschwindet so-
eben durch eine Tapetenthüre. Auf dem Bette der Königin
lag ein Knäblein, das so groß war wie ein normales, gut
ausgewachsenes einjähriges Kindchen.
Alle bekreuzigten sich —
Die Königin lag fiebernd in den Kiffen. Die Hebe-
damen arbeiteten, die Leibärzte arbeiteten, die Photographen
arbeiteten - aber alle können sie nicht begreifen, woher das
Knäblein wohl feinen Weg genommen, denn es war Alles
in bester Ordnung — —
Die königlichen Hofleibärzte zogen sich zn einer Be-
ratung zurück, während die königlichen Hofhebedamen das
Knäblein in parfümierte Watte steckten und in den mit
elektrischer Beleuchtung und Klosett ansgestatteten Brut-
apparat legten.
„Meine Herren Kollegen" begann der große Arzt und
schnupfte, „es liegt hier ein ganz außergewöhnlicher Fall vor!"
Alle nickten Beifall.
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