Der Affenspiegel: satyrische Wochenschrift — 1901

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Seite 6.

„Der Affenspiegel".

Heft 3.


Die MlMmnsell.

Ich bin eine kleine Nähmamsell
Bei Bleyerling und Sohn.
Sechs Tage in der Woche dien'
Ich ihm in schlimmer Frohn — —
Doch an dein letzten und siebenten Tag,
Da bin ich die Sklavin nicht mehr.
Da kommt mein Schatz und beugt das Knie
Und fragt nach meinem Begehr.
Und setzt mir ein goldiges Krönlein aufs Haupt,
Und Seidenschuh' au den Fuß,
Und ich lache und lohn' ihn als Königin
UUt meinem huldvollsten Kuß.

Und die Königin jung und ihr Ritter fein
Zieh'» in die weite Welt.
Dorthin, wo Freiheit und Frohsinn regiert,
Und verputzen ihr Gut und ihr Geld.

Und wenn dann wieder der Morgen tagt,
Sitz' ich in alter Frohn
Als winzig kleine Nähmamsell
Bei Me-serling und Sohn.


Gin Sterben im quartwr Islin.

Ein ganz kleines, einfcnstriges Stübchen im fünften Stock
der U.U6 3t. Norrore. Nichts als ein Stuhl, ein Tisch und
eine notdürftig in ein Luger nmgcwandelte Ottomane.
Und eine dicke, ungesunde Luft — — — Draußen welkten
die Blätter — -—
Die kleine Lisette lag fieberkrank in den Polstern, und vor
ihr kniete auf dem Boden, ihre Hände in den seinen, ihr Geliebter
U.6N6. —
Auf beider Wangcu lag die Farbe des Elends, und ihre
Augen sahen seltsam tief und müde.
Die beiden weltvergessenen Menschenkinder hier oben plauderten
von ihrem Glück und ihren Hoffnungen, und dabei sahen sie nicht,
daß zwischen ihnen der Tod saß.
„Wie lauge", brach Lisette das Schweigen, „wird es wohl
noch währen, bis das Geld kommt?"
U.6NL lächelte. Er hatte diese Frage seit Tagen schon
dutzeudmnle gehört, und immer mit derselben unermüdlichen Geduld
beantwortet: „Stündlich kann cs kommen. Vielleicht heute".
„Oh, das wäre herrlich!" Und die kleine Lisette klatschte
in kindlicher Freude in die feinen Hände, auf denen die zarten
blauen Adern erschreckend hcruortratcn.
„Und nicht währ, Reno, dann bekomme ich die Medizin
gegen den abscheulichen Husten und Dn kaufst mir Wein, dunkel-
roten Wein, den wir damals getrunken, als — weißt Dn noch,
au jenem Abend?".

Und sie lächelte leise und in ihren fieberglänzendcu Augen
schimmerte feucht die Erinnerung an ein großes Glück.
„Ja, Lisetteheu, Wein und ein Huhn und große, schöne
Ananas kanfe ich, Ananas, die meine Lisette so gerne ißt. Weißt
Du noch, Ivie Du Deine kleinen, weißen Raubtierzähucheu in die
frischen Früchte grubst, daß der Saft über Deine roten Lippen
geperlt, die so übermütig lachten? Das sollst Du wieder thuu".
„Ja, ja, ich werde meine Zähne in die Früchte.aber
sag' mal, tausend Francs ist viel, sehr viel Geld?"
„Viel, Lisette. Wir können jetzt lange ohne Sorgen leben.
Und ich schreibe ein neues Buch, das noch viel mehr Geld bringen
soll. Und die kleine Lisette wird die Fran eines berühmten
Dichters werden".
„Berühmt? Oh, Du wirst ein großer Mann sein? So
einer, wie der häßliche Marbeau drüben, vor dein die feinen
Herren tief den Hnt ziehen, und dem die schönen Frauen duftende
Briefchen schreiben? Und reich werden wir sein, nicht wahr? Sehr
reich? Und wir werden auch auf Gummirädern fahren, wie der
Herr Marquis, der mich immer so freundlich grüßt?"
„Wir werden auf Gummiräderu fahren und mit vier
weißen Pferden!"
„Wie nett! Und ich werde schöne Kleider tragen und
cbensolch' reizende kleine Schuhe, wie Annie, die den dicken
Kaufmann geheiratet hat?"
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