Der Affenspiegel: satyrische Wochenschrift — 1901

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Iliei'ese.


Von kiobkki
Der DaA nakm /.ksckicd, nnd dis 8onns Z-iirZ-
nack Westen mir einern mclarrckoliscksn, roten
Däcksln. . .
Irn grossen Laalc des K^mpkenkurz-sr Volks-
xnrtens wurde ^etnnrt. Wie ciie Weilen der erregten
8se woAtsn die Mcnscksnpaare durcheinander, und
dis weissen Bloussir der Mädcksn sciiinnnsrten ans
der schwarten Masss wie Aisitende 8sAsI. Lauck
und Dampf kinA schwer von der Decke herad, nnd
wie Blumen auf dem Lücken des kücktiZ-en Stromes
wiegte sich ein verlorenes 8ummsn nnd 8urren, ein
verstecktes kacken nnd schmeichelndes Dlüstern auf
den dickten Staubwolken.
Lnd da nnd dort ein müder 8onnenstrahl —
/.uf einem Bodium Lassen die Musikanten nnd spielten —
die Musik des Volkes — Walter. lind die rhe-
inischen, elastischen Dons verschlangen sich mit der
ungestillten 8ehnsucht all' der Menschenkinder, die
sechs läge in der Woche all' ihre Dreude nnd Diebs
unter die Drohn der Kot nnd die Lässkckkeit der/umut
beugen müssen, nnd rissen die blühende Engend mit
sich fort in nnermüdlicber Wollust. Wie sie tankten!
Mädchen mit bleichen Wangen und schmalen Brüsten,
Dirnen mit glühenden Lssicktern nnd gleissenden
/.uZ-sn, Dräuen mit drallen Lütten nnd elastischen
(Miedern, sie schienen dis Wirklichkeit vergessen ?u
haben in einem wunderbaren, wilden, rasenden Lausck.
Lnd sie legten ihrs schlanken Körper in dis starken
/.rms dsr Männer, dass ihre pochenden Brüste die
mächtigen Lsknsn zu spüren vermeinten, und warten
ihre 8es1en in den Wirbelwind, der sis davonlükrte
in toller Dnst 2ur Vergessenheit.
Lnd sie tankten mit oltsnen Dippen, feuchten
Sckmelr: in den Mundwinkeln, nnd die Düsse flogen
über den glatten Boden wie der Wind über die
Wiessnhalms. Dis Männer aber mit den robusten
Körpern nnd blitzenden ^ugen lachten und pressten
die ruckenden Körper an ihre Brust, dass all dis
weiche Dnst in ihre traurigen nnd verbitterten Herren
floss und sie wilder schlagen liess unter dem heissen
8trom der Ärmlichkeit.
Abseits von dem Lewükl an einem leeren
Discbs stand ein hunger, schmächtiger Mann. 8eins
^ngen hatten einen unnatürlich tiefen Olanr, und auf
den blassen Wangen traten grell rwei rote Dlecksn
hervor. Dr litt an der Krankkeit der Broletarisr.
8eins Dinger hämmerten nervös auf dsr Disch-
platte, nnd seins ^Vngen folgten beharrlich einem Baars.
Din stattliches Mädchen mit vollen Brüsten und
schweren Haaren flog am /.rm eines grossen Soldaten
durch den 8aal, dass ihrs Docks sich bauschten und
man bei federn Drehen den weissen, gestärkten Lntsr-
rock fliegen sah.
8is schien keine Drmüdung ru kennen. Dock
nickt das unermüdliche Danken des Mädchens, seines
Mädchens, war es, das den jungen Mann erregte. Das
war er ja von ihr gewohnt. /.Ker sonst war sis
immer von dem /.rm des Dinen in den des änderen
geflogen; Kents jedoch tanrte sie immer nur mit dem
Dinen, dem „Lunten''.
Lnd er glaubt ganr deutlich ru sehen, wie ihr
schmiegsamer Körper sich weich in die fVrme des
8oldaten legt, wie ihr Busen sich fest an seine Brust
drückt und — ist's unabsichtlich? - ihrs Lckenksl
stossen fortwährend an die seinen. Und immer näher
tankten dis Beiden aneinander. 8is schien sich an
ihn ru pressen, dis Dinien ihrer Körper flössen in-
einander.
Däuscht er sich?
Kein. 8ie biegt den Kopf etwas nach hinten,
dass das schwere Laar rückwärts in den Kacken
rutsckt, nnd ihr durstiges Vngs flimmert seltsam, so
gan2 eigen.
Dsr 8oldat reigt seine weissen, starken 2äkns
rwiscken den blutroten Dippen, bind jstrt beugt er
sich nieder, nnd die weichen Dippen pressen sich Zu-
sammen — das Lssickt des jungen Burschen war
plötzlich aschgrau geworden. Lücksicktslos drängte
er sich durch dis tanrenden Baars.
jDtrt stand er vor den Leiden. Leine Dinger
umklammerten den /.rm des Weibes.
„Dbsres', für heut' is g'nug!"
8is schien aus einem schweren Traume ru er-
wachen, schien sich erst besinnen ru müssen, wer der
sei, der sie mit brutaler (Gewalt im Lenusse des süssen
/Augenblickes störte. Mit einem bösen, hochmütigen
Blick sah sis ihn an. 8is wusste in diesem Augen-
blick nickt, dass sis ikn hätte nm Verreibung bitten
müssen. Din egoistischer 2orn beherrschte sie, dass
dis Minuten ikr verloren seien rum Danr.
„Was willst denn?" frng sis mit rauher 8timme.
„Mack Di net lächerlich, ja? Was störst uns denn?"
Dranr sah auf den 8oldaten.
Ds war ein Lnteroftirisr mit koklschwarren
Zeugen und kokett in dis Höhe gepresstem Scknurrkart.
Dsr lächelte, wartend, lauernd, mit dem Ausdrucks
des Lohns in den Zangen. Dlnd wieder reigts er
seins blitrsndsn 2äkns.
Dranr' /.u^en begannen ru rollen. Seine Muskeln
spannten sich, und ein dumpfer, schwerer 2orn schnürte
ihm die Brust rn nnd raubte ihm den /.tsm. Dine
schwüle Banse entstand.
Dlnd ringsum tanrten die änderen. Din Mann
stiess an Dranr, dass er rur 8sits taumelte.
Dlnd der Dlnterofilrier legte seinen /.rm wieder
um Dhsresens Lüfte, und sie versuchten, weiter ru
tanren.
Bebend richtete sich Dranr auf. Seine schmale
(bestall schien rn wachsen.
„Dkerss'l" schrie er, und seins 8timme klang
wie das Knurren eines Landtiers.
Dock einmal stiess er hervor: „Bksres'," und
seine 8timme überschlug sich — —
Dinen Augenblick überlegte sie, ob es nun nickt
dock Xsit sei, nackrugeben. Dock immer noch rsigte
der 8oldat seins 2äkns mit einem übermütigen,
höhnischen Dächsin.

8oI1ts sie sich vor dem lächerlich macken?
Dass dsr etwa gar glaubte, sis kätts dem
sckmäcktigsn Dranr ru gekorcken? Wie er sis aus-
lacken würde —
Dein —
Dlnd sis tanrte, tanrte, und ikr Körper wiegte
sick rasck und ilücktig.
jstrt stand Dranr wieder vor iknen.
„Dkerss', jstrt gekst keim mit mir, käst g'kört?"
Lnd er fasste sis hart sm /.rm.
„Dranrl, sei g'sckeidt," antwortete sis ärgerlich.
„Was hast denn? Leh', Du käst an' Lausck!"
„I — an' Lausck? La, ka! I bin nüchtern,
aber Du hast an' Lausch, an' ganr an' merkwürdigen."
8is ränderte —
Da fasste sis der 8oldat wieder um die Lüften.
Dranr stiess seinen /.rm weg.
„Dass' los, 8ckeckiger, oder —"
Dr machte eine nickt nnssruverstekende Land-
bewegung.
Die/.dsrn auf dsr8tirn besonderen schwollen an.
Die ringsum Danrenden wurden aufmerksam
und sckaarten sick nm die Beiden.
„Belästigen 8ie die Dame nickt," sagte rornig
der Soldat, und seins Brauen rogen sick drohend
rusammsn.
„Dame?! Was Dame?! Das is mei' 8ckatr!
Verstanden! Du Lanswurst, Du scheckiger! Dass'
los, sag' ick!"
Der Lnterotkrier packte ikn statt jeder Antwort
am /.rms nnd stiess ikn weg. Bkeress stand da
nnd lächelte. Ihre Brust wogte kebig auf nnd
nieder, das Laar King ikr lose im Kacken, und ikre
Kasenilügsl ritterten.
Wie ein wildes Bkier stürrts sick jstrt Dranr
auf den 8oldaten.
Dock der warf ikn ohne Müke rurück. Din
Tumult entstand.
Der Tanrmeister forderte Dranr auf, aus dem
8aals ru geben. Dr Habs angetangen ru streiten.
Dranr weigerte sick.
8sins /.uZ-en schienen ru bluteu. Kock einmal
versuchte er, den 8oldaten an der Kehle ru packen.
Da fassten ikn dis Umstehenden nnd stiessen ikn roh
aus dem 8aals.
Dinigs 8skundsn stand Tksrese unschlüssig.
Dranr tkat ikr leid. Dr war ja im Leckt. Lnd sis
Katts ikn lieb, /.der heute — — Dsr Lnterofkrier
lächelte wieder nnd drehte den Lcknurrbart. Dr siekt
sckön aus, dachte sis. 80 ganr anders als Dranr.
Diese Muskeln! Lnd Zbugsn Kat er, backte sie weiter,
wie ein Biger, so gelb. Wie funkelnde 8terns. Lnd
wie der tanrt! Das ist getanrt.
Wenn Dranr so tanren könnte! — —
Lnd sie will geniessen. Leute wenigstens, diese
männliche, wilde Kraft. Lnd wieder tanrten sis. Lnd
er lackte ikr in dis ruckenden Zangen — — —
/.in /.dend fuhren sis Beide in dis 8tadt. /an
Baknkofe, wo sis Ausstiegen, stand Dranr. Dr drückte
sick in sine Dcke tief im Dunkel. Dis Beiden gingen
/.rm in /.rm, und sis legte sick sckwer an seine
reckte Leite. Manckmal fiel ikr Lanpt fast auf seins
8ckultsr. Lnd einmal küssten sie sick, mitten am
Wege. Dr drückte sis fast nieder — —
Dranr streifte die dunkle Mauer entlang wie
ein sckeuer Lund. Dins Wut hatte ikn gepackt, so
gross, so entsstrlick, dass sick sein Körper wie im
Lieber schüttelte, /.der er atmstets sick leickt Kents,
wie seit Dangem nickt mehr. Lnd er füklte Kraft
in seinen Dänsten. Irgend etwas wollte er tkun, das
stand fest, /.der was, das wusste er nickt.
Dr füklte bloss, dass ikm dis Beiden etwas Durckt-
bares angstkan, nnd dass er sich rächen müsse. Dr
sak, wie sis in die 8trasss einbogen, in dsr Bkeress
woknts. Das wunderte ihn nickt. Ds schien ihm
selbstverständlich. Lnd sis schloss das Tkor auf und
Beide gingen hinein. Dr tkat nichts, duckte sick nur
ängstlich in den Sckattsn.
Dine Lkr scklug 2wölf. Dr sstrte sick auf den
gegenüberliegenden Landstsin nnd sak ru ihrem
Denster hinauf. Dr sak rwsi 8ckatten kin- nnd ker-
kuscksn. jstrt beugte sick dsr eins über den andern.
Das Dickt erlosch — —
Dr wartete 8tnnds auf Ltunde. Din kühler
Duftrng wekts um seine heisse 8tirns. /.Is es vier
Lkr schlug und sine fable Löte im Osten aufstieg,
ging dis Tkür ihres Lausss auf.
8äbelklappernd kam dsr 8oldat heraus, rundete
sick eine Zigarette an und ging eilends dis Strasse
hinab. Dranr sak ikm nach, fast ängstlich, bis er
hinter einer Dcke verschwunden. Dann sprang er in
langen Lätren die Drepps hinauf.
Ihre Tkürs war nur angslehnt. /.Is er sintrat,
stand sie vor dem Lpisgsl nnd rog ikr Mieder an.
Din wilder Lausch leuchtete ans ihren feuckten /.ngen.
Lis war sckön — — —
Dr sagte nichts. Dr wusste nickt was, er tkun
solle. Ds war ikm ein (bedanke gekommen, so
schrecklich — —
/.her das wollte er. 8is sollte Kiemandsn mehr
lieben können. Kiemandsn mehr. 8ie sollte ihm
gekoren für alle 2eit.
Lak sie sein Messer?
Lis sckris auf, dock im selben /.ugenbkck bokrts
sick die scharfe Klings in ihrs Kehle. Lnd das Blut
berauschte ikn. Dr stack und stack, in ikre Brust und
ihre Dippen, in dis Lände und die starken Lckenkel,
die er so oft bewunderte.
/.is sis gänLick verstümmelt war, hielt er inne.
Ob sie ihm jstrt wokl noch jemand rauben will?
Dann sstrt er das Messer an dis eigens Kskls,
und ein dicker Blutstrakl sckiesst aus seinem Munde,
und gleich darauf noch einer. Lnd er brickt Zusammen,
okns Sckinerr, okns Daut, und sein Blut vermischt
sick mit dem seiner toten (beliebten ru einer grossen,
roten Dacks . . .

Sünde.
Ich fuhr' ins Leben voll Wagemut
Wit feurigen, wilden Pferden.
Ich jagte der glühenden Tonne nach —
Gin Aönig wollte ich werden.
Da stand am dunkelnden Waldessaum
Die schöne junge Tünde —
Ihr Leib war so weiß und ihr sonniges Haar
Flog mit dem pfeifenden Winde.
Ich sah sie voll Staunen — sie winkte mir,
Anhielt ich die dampfenden Rosse.
In Tturm und Wetter lag liebend ich
In ihrem verlorenen Tchoße.
Ich war ja so jung und kannte sie nicht,
Da war ich an sie gekettet.
Tie hat meine Sehnsucht und meinen Wut
Und meine Rosse getötet.
In weißer Nacht bin ich enifloh'n
Auf staubigen, steinigen Straßen —
Ich ziehe und fliehe Tag für Tag
Verloren, verdorben, verlassen — —
Nur einmal möcht' ich die Sonne seh'n,
Gab' d'rum mein junges Leben —
Sie soll mir küssen die wüste Stirn,
Soll lächeln: Dir ist vergeben — — —
Robert Hermann.

Zigeunerweise.
Ich bin ein armer Zigeuner,
Von niemand geliebt, gekannt.
Ich hab' weder Vater noch Wutter,
Ich habe kein Vaterland.
Die Stiefel schwer vom Staube
Ziehe ich krank und müd
Durch aller Herren Lande,
Besitze nichts als mein Lied.
Ich zog durch den sonnigen Süden,
Durchwandert' des Nordens Schnee,
Und immer schleppte die Seele
Der Sehnsucht brennendes Weh.
Wenn alle Welten schweigen
In nächtlich stiller Ruh',
Dann spiel' ich im träumenden Walde;
Die Tannen nur hören mir zu.
Ich singe von einer T^presse
Auf einem Hügel so klein.
Da scharrte man einst die Liebe
Des armen Zigeuners ein.
Ich sing' von seinen Thränen,
Die nur die Blumen seh'n
Und die raunenden Abendwinde,
Die seine Lieder verweh'n.
So zieh) ich durch die Lande,
Bis einst am Waldessaum
Das letzte Lied ich spiele,
Den letzten traurigen Traum.
Die Tannen des Waldes neigen
Sich liebend zn mir herab,
Und flüstern meine Lieder —
Das ist des Zigeuners Grab.

Gedanken.
Und wieder steigt der Tag herauf,
Im Westen versinkt die Nacht
Wit ihren Stunden so schwül und so heiß,
Die ich durchküßt, durchlacht.
Dis Glocken läuten den Worgen ein,
Und an die Fensterscheib'
pocht leise die junge Sonne an
Und küßt mein lachendes Weib —
Wie lang' noch und die Nacht bricht an.
Die Nacht so dumpf und schwer.
Auf sie folgt nimmer der leuchtende Tag,
Die Sonne scheint nicht mehr.
Da wird nicht gelacht, geschäkert, geküßt,
Da liegt man so still und allein,
Und denkt, was Liebchen wohl thät', säh' sie
Ihres Freundes morsches Gebein.
Nur manchmal öffnet man leis' ein Ang'
Und schaut zu den Wenschen hinauf.
Da gibl's noch immer behörntes Vieh,
'S ist ewig der alte Lauf.
Die Weiber betrügen, die Sonne scheint,
Die Spießer sind immer gleich dumm.
Da freut man sich seines gesunden Schlafs
Und dreht sich im Grabe herum.
Robert tjeymann.


Der Affenfpiegel: Redigiert und herausgegeben von Robert Hey mann, Amalienstraße I8/II.


biLurbLnirVir.
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Für die Redaktion verantwortlich: Valentin Karl, beide in München. — Druck und Verlag „Frührot" München.
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