Der Affenspiegel: satyrische Wochenschrift — 1901

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„Das ist schrecklich, Herr Schutzmann, daß ich nun eine „Rarie" kriegen soll!"
„Ach wat, tröste Dir man. So 'n jesetzlich jefchütztes bewerbe ist immer 'n Anwartschaft uff'n serbischen Königsthron!"



„Nicht genug, daß Sie mein Mädel unglücklich gemacht, wollen Sie nun nicht einmal die
Alimente zahlen!"
„Ls genügt Ihnen also nicht, daß ich durch Zuchtwahl Ihre verdorbene Nasse veredelt habe?!" i


Ein armseliges Zimmer, vier Treppen —
im Quergebäude, weit draußen im Osten Berlins.
Auf dem roten Ripssopha, durch dessen rissigen
Überzug Büschel von Roßhaar hervorguellen, liegt
ein junges Mädchen, fröstelnd, mit einem schä-
bigen, zerrissenen Shawl, grauschwarzcarriert, zu-
gedeckt. Es ist bleich, und ab und zu läuft ein
Schauer durch seine Glieder.
Hinter ihr, vor einer Commode, steht ein Mann
von ca. 25 Jahren und wärmt einen dünnen
Kaffee auf einem Schnellsieder. Seine wirklich
auffallend schönen Züge, denen um den Mund
ein brntaler Ausdruck anhaftet, --- die finstere,
drohende Stirn — werden gemildert durch weiche,
schmerzlich-blaue Augen, die ab- und zu angstvoll
und liebkosend über das Mädchen fliegen.
Er pfeift und summt ein Lied, um ihr guten
Mut zu machen, steckt die kalten Hände in die
Taschen seiner fettgläuzenden Kammgarnhose, der
einzigen, die er hat; denn auch ihn friert. Es ist
hundekalt. Doch zeigt er ihr nicht, daß ihn friert.
„Na, jleich is nu der Kaffee warm, Mieze!
Wart man 'n wenig". Der Ton schien ihm zu
weich; brutaler führt er fort: „Ach wat! Die
ewige Verzimpelei! Wat dir nu wieder is?
Et is ja jar nich kalt".
„Mir ist auch nicht kalt, Edi", antwortete müde
und gezwungen, doch lieb und sanft die Stimme
Miezes.
Sie logen sich beide an, um sich das Elend
Nicht noch schwerer zu machen)^- "
- „So". — Er reicht ihr den kleinen Napf, den
sie mit stoßweis zitternden Händen an die Lippen
führt. „Nu — trink mal. Da wird Dir jleich
wärmer druff werden. Ick will inzwischen in den
ollen Kasten wat inpnlvern".
„Hast Du Feuerung, Edi?" fragte die Kleine
angstvoll.
„Nee. Aber ick will mir von der ollen
Schmidten wat ausborjen. Warte man!"
„Bleib. Geh nicht!" flehte das Mädchen
angstvoll. „Du weißt, wie sie ist. Und —
— mir ist ja jar nich kalt". Die Bitte klang so
flehend, daß er einen Augenblick innehielt, vor
sich starrend, an der Unterlippe nagend, bis er
sich mit einem trotzigen „Ach wat!" losriß und
das Zimmer verließ, die Thüre leife hinter sich
schließend.
Das Mädchen lauschte voll Angst, mit ver-
haltenem Atem. „Wat! Kenne Miete nich —
und Heizung oben noch druff? Sie sin' wohl
nich recht — —" zeterte eine widerliche Weiber-
stimme. „Reizen Sie mir nicht", grollte Edi —
dann unverständliches gleichzeitiges Schreien, Aus-
drücke wie — „so 'ne jemeiue Bande", „so'n
Frauenzimmer", „Polizei anzeijen —" das Zu-
fliegen einer Thüre, — Edi stand vor ihr. Seine
Züge hatten etwas Unheimliches, Tierisches. Er
ging erregt auf und ab.
Mieze drehte sich nach der Wand und weinte
leise. — Er sah's, beugte sich über sie und küßte
sie, die ihre Arme um seinen Hals schlang, und
flüsterte: „Du sollst nicht, Edi — sollst ja nicht
-Nicht um mich —"
„Laß man! Es wird schon wieder besser
werden". Er pfiff das Pankowlied und ging
auf und ab. — Da fiel sein Auge auf seine
Zilher. Er holte sie hervor, stellte sie auf die
Eommode, und begann hinter Miezes Rücken den
Zitherkasten zu zerbrechen. Das Krachen des
Holzes machte sie aufmerksam. „Was thust Du
denn, Edi?"
„Ach nischt!" damit ging er zum kleinen
eisernen Ofen und feuerte die Holzreste ein.
Sie schwieg und starrte ihn an. Wie gut
er war! Daheim bekam sie alle Tage Prügel,
wenn sie arbeitsunfähig, wegen Brustschmerzen,
zu Haus blieb, Sie hätte ja so gern gearbeitet!
Doch zweimal kam der Blutsturz — dann wurde
sie entlassen. Es ging ja nicht. Der Vater, ein
Maurer, hatte sie in der Trunkenheit wieder ge-
schlagen — wäre er nüchtern gewesen, er hätte
sie erschlagen. Vielleicht wärs besser gewesen.
— Da ging sie heimlich weg, zu Edi — und
blieb bei ihm. Er nahm sie, d. h. nicht ihren
Leib; den hatte er noch nicht berührt. Er hatte
ja genug andere, — Verworfene. Für sie em-
pfand er etwas — wie reine Liebe. Vor ihr
empfand er Scham — Scheu; vor ihr empfand
er, daß er schlecht gewesen war.
s^Und jetzt — weil er durch sie nicht mehr
schlecht war — verdiente er nichts mehr.
„So." Das Feuer knisterte lustig im Ofen.
— Wie lange?-Für den Moment war
gesorgt. Er rieb sich vergnügt die Hände und
setzte sich zu ihr. Sie küßte seine Hand mit
feuchten Augen. Er streichelte das blasse Ge-
sichtchen — zart, weich.
„Wart. Ick will Dir wat spielen. Willste?"
Er nahm die Zither und begann nach einigem
Sinnen: traurige Voksmelodieu sang das In-
strument, — das Instrument der Armen. Sie
hörte ihm zu mit verklärtem Lächeln. Dann
schlummerte sie ein. — Er aber stützte die Ell-
bogen auf die Knie und weinte — wie ein Kind.
Zum ersten Mal — seit Langem.


Horch! Ging da die alte Schmidt nicht fort?
Ja. Sie schloß die Entröethür ab.
In Edes Augen leuchtete ein Plan — das
Verbrechen. Rasch zog er die Schnürschuhe aus,
schlich sich hinaus — in die Küche und kam mit
zwölf Brckets auf dem Arm in's Zimmer ge-
schlichen. Drei warf er in de» Ofen — die
übrigen versteckte er unter dem Strohsack des
Bettes. Er atmete auf. Seine mächtige Brust
dehnte sich — sein Blick flog nach oben.
Was lag in dem Blick? Dank oder Fluch?
— denn er hatte gestohlen. Zum ersten Mal
gestohlen im Leben.
Für sie! Sie hatte sich ihm anvertraut. Die
Heimatlofe — dem Heimatlosen. — Zwei Elende!
Zwei Hoffnungslose.
Es dunkelte.
Petroleum war keines zu Haus. Sollte er
sie wecken und ins Bett tragen, — damit sie dann
erwachte und den Hunger fühle? Oder sollte er
sich heimlich Wegmachen? Denn Geld mußte
er heute nach Hause bringen, wenn sie nicht ver-
hungern sollte, — wenn sie nicht exmittirt werden
sollten. Und aus ihr das machen, wie die andern
es machten? Nein, nie! Er hatte es nie ge-
konnt, wollte es auch nicht. Es widerte ihn an.
So tief war er glücklicherweise noch nicht gesunken.
Er nahm seine Stiefel, klappte den Jaquet-
kragen hoch, setzte den nicht mehr neuen Filzhut
auf und schlich sich davon. Auf der Treppe zog
er dir Schuhe an. Da fiel ihm die Zither ein-
Er kehrte um und holte sie.
Dann begann seine Irrfahrt. Zum Trödler,
zum Destillateur, zu einem Friseur, zu einem
reichen Wüstling, dem er Dienste geleistet und
der sich verleugnen ließ, — zu einem Instru-
mentenmacher — umsonst. Keiner wollte das
Ding; noch weniger wollte man mit „ihm" zu
thun haben.
Es war schon spät. Frierend stand er auf
dem Trottoir einer einsammen Gasse. Gelbviolett
leuchteten die Laternen in der kalten Winternacht.
Was thun? Wohin? Eine Dirne strich an ihm
vorbei und winkte ihm mit den Augen. Da sah
sie seine Zither unter dem Arm nnd errieth.
Sie ging rascher und verschwand im Winternebel.
Was thun? Sein Hunger störte ihn weniger
als der Gedanke, daß sie hungern würde, wenn
sie erwachte. Er mußte Geld haben. Heute
noch. Morgen wars vielleicht schon zu spät.
Also — hin nach der Verbrecherkneipe in
die Adalbertstraße.
Während er hiuwankte, zog sein vergangenes
Leben an ihm vorüber. Sein Vater war ein kleiner
Beamter gewesen und hatte ihn das Gymnasium
studieren lassen. Als Schuljunge fiel er einer
besseren Dirne in die Arme. Berlin hat ja diese
Geschöpfe noch nicht consolidiert; man trifft sie
überall, in jeder Straße. Jeder ist einer solchen
Versuchung ausgesetzt, der eine reißt sich los,
nimmt eine andere, wird vernünftig — der andere
nicht; der bleibt kleben Zu diesen gehörte auch
er. Er vernachlässigte sein Studium, verbrachte
die Nächte außer dem Hause. Der Vater, anstatt
sich feiner auzunehmen, — verstieß ihn. Der
Vater hatte nämlich „streng reelle Ansichten."
Dann gings bergab mit Eduard. Er trieb sich
in Weiberkneipen umher, spielte Klavier und
Zither; die Weiber erhielten ihn, ohne von ihm
gebeten zu sein. Er wurde arbeitsscheu. Und
als ihn das Leben anekelte und er arbeiten wollte,
war's zu spät. Er konnte ja nichts. Und dann
das Vorleben — —!! Wenn man einen s o
braven Vater hatte!! Das mußte eben ein Lump
sein, — ein Ehrloser!
Er wurde verbittert, voll Haß, brutal. Als
mau ihn einmal „Lude" schimpfte, schlug erden
nieder. Seitdem galt er als gewaltthätig. Der
Kneipier verbot ihm das Lokal, und er hatte
nicht einmal mehr den kleinen Verdienst durch
sein Spiel, nicht einmal mehr das Bischen Abend-
brot) — Würsichen mit Mostrich — das ihm
Frühstück, Mittag- und Abendbrot war.
Wohin nun? Ein Wüstling nahm ihn zum
Bedienten d. h. zum unlivrierten. Da verdiente
er ganz schön. Als ihm aber der feine Herr,
um ihn losznwerden, zehn Mark weniger Lohn
gab nnd sich Eduard das nicht gefallen ließ und
anfbegehrte, drohte ihm der feine Herr mit Er-
pressung. Seitdem galt der gewaltthätige Ede
als Preller.
Er ging in die Herberge zur Heimat. Nebenan
— in der Oranienstraße — wohnte der Vater
Miezes. Dort hatte er sie kennen gelernt. Sie
sprachen mit einander, — sie war sein, ohne daß
er es wollte. Er fürchtete sie in seiner Nähe.
Da kam sie zu ihm, als er ein Zimmer hatte
und etwas verdiente, und vertraute sich ihm an.
Dadurch war der Verdienst zum Teufel. —
Da Ivar er ja. Der Eingang war vom Haus-
flur aus. Eine blaue Laterne bezeichnete das Lokal.
Undurchdringlicher Tabaksqualm, Johlen, Singen
schlug ihm entgegen. An den unbedeckten Tischen
faßen Arbeiter, Zuhälter, elegant gekleidete Herren,
Dirnen — besferer und minderer Qualität. Auf
dem Clavier paukte ein magerer Jüngling einen
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