Der Affenspiegel: satyrische Wochenschrift — 1901

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Hofer.


„Der Rutschera ist nun richtig wegen Sittlichkeitsdelikt eingesponnen worden!"
„Ach was? — hat er sich an einer Frau vergangen?"
„Schlimmer! Einen römischen Heiligen hat er volkstümlich gemacht-"

Marsch von Sousa, dann sang, von ihm begleitet,
ein widerlicher Knabe mit einem Lockenkopf und
hoher Fistelstimme: „Wenn die Blätter leise
rauschen —" Hinter dem Schanktisch glänzte das
fette, patriarchische Gesicht des Destillateurs in
vornehmer, unnahbarer Würde. Der Kellner war
mürrisch.
Ede setzte sich an einen Tisch neben dem
Eingang und bat, etwas Zither spielen zu dürfen.
„Nee", herrschte ihn der Wirt an. „Ick lasse
nur meene Kunden wat verdienen. Dir is woll
mecn Lokal zu wenig vornehm jeworden; —
denn nich!" Ede trank finster sein Glas Bier.
Wovon sollte er es zahlen? Ein besser geklei-
deter Herr setzte sich an seinen Tisch. Sie kamen
ins Gespräch. Der Herr war nicht abgeneigt,
die Zither zu kaufen. Ein glückliches Lächeln
huschte über die schönen Züge des Hoffnungs-
losen. „Spielen Sie mir etwas vor!"-
„Ick darf nicht spielen. Der Alte erlaubts nicht."
„Wenn's der Herr Baron wünschen thut, dann
spiel mal een'n!" gewährte gnädig der Wirt.
Ede begann zu stimmen. Die Saiten rissen;
denn er hatte ja die Zither ohne Kasten, den er
ja verbrannt, blos unter dem Arm getragen.
Der Frost hatte ihr geschadet. Es stimmte und
stimmte nicht.
„Det wird wieder besser, wenn die Saiten
wärmer sind," tröstete Ede.
Der Herr lachte. „Nein, mein Junge, das
kenn ich. Die ist nicht eine Mark wert."
„So jeben Sie fünf Groschen, Herr," flehte
Ede angstvoll. — Der Herr stand auf und sagte
dem Wirt, er bezahle die Zeche Edes. Auch's
Abendbrot. — Der Wirt warf ihm mehr, als
daß er ihm hinstellte: zwei Würstchen auf den
Tisch hin, mit etwas Kartoffelsalat. Ede wollte
die Würstchen einpacken, um sie Mieze zu bringen.
„Det jiebts nich", schrie der Wirt. „Da wird
nischt mitjenommen. Wat hier jejeben wird, wird
hier verzehrt!" Zähneknirschend schob Ede den
unberührten Teller von sich.

Inzwischen war es nebenan bekannt geworden,
daß Ede wieder mal hier wäre. Ein dickes, ge-
schminktes Frauenzimmer kam heraus und pflanzte
sich vor ihm auf. „Ach wat? Is der Muschiö
wieder eh? Von die Todten ufferstanden?" schrie
sie frech, indes die andern lachten. „Na — wie
jeht's denn? Wir habn uns aber lange nich
jeseh'n. Dank der Nachfrag! Mir jehrts f—fein!
Da!" Sie zeigt ihm ein Goldstück. „Del hab
ick ebent jeerbt." Edes Augen funkelten, als er
das Gold sah.
„Pauline, ick hab noch nie wat von Dir ver-
langt. Gib niir 'n Thaler. Du kriegst'n zurück.
Ehrenwort!" flehte er.
Die Dirne lachte frech. „Na, so dumm! Ick
jeh mir heut amüsiren. Ick jeh in wat feinet,
in die Aa—a —morsäh—hle". Sie ging hinaus. Er
hinterher. Draußen auf der Straße bettelte er,
flehte er, — umsonst. Einsam wars. Er drohte
ihr. Sie lachte. — Ein Schrei — „Polizei!"
Ede hatte sie mit dem Messer gestochen, eine un-
bedeutende Wunde. Er mußte das Geld haben
für Mieze; denn sie starb ihm ja!!!
Er wurde verhaftet, und weil er noch nicht
vorbestraft war, zu einem Jahr Zuchthaus ver-
urteilt. Mieze wurde den andern Tag als Diebin
verhaftet, weil die Schmid ihre Preßkohlen unter
dem Strohsack fand.
Zwei Elende mehr. Was thuts?? — Lumpen!
Hugo Alphonse Revel.

Aphorismen.
von Vito von Hagen.
In jeder Großstadt giebt es Fütterungsplätze, wo
das Elend den wilden Tieren der Gesellschaft Frauen-
fleisch vorwirft. Diese wilden Tiere find roh und er-
barmungslos genug, ihren Hunger zu stillen wie bei
einer gewöhnlichen Mahlzeit.

Ls giebt Leute, die leibeigen bleiben, auch wenn
sie adelig werden und dicke Bücher über Menschenrechte
schreiben.

Beitelstolz.
Ich soll zu Dir um Liebe betteln gehen?
Die Bettler schnitzt man nicht aus meinem Holz!
Und mag das Elend auf der Schwelle stehen,
Für einen Bettler denke ich zu stolz.
Der König Tod ist mir ein Freund seit Zähren.
Die Herrin Nacht hat Trost für meinen Schmerz.
Des Dichters Krone liegt auf meinen Haaren,
Und echte Lieder rauschen durch mein Herz.
Zch habe alles Erdenleid getragen,
Mein Gram und ich, wir weinten ganz allein.
Die Seele ward mir an das Kreuz geschlagen,
Und alle Herzen blieben wie aus Stein.
Da tratest Du in meine dunklen Stunden
Mit Deiner Liebe weißer Rosenpracht.
Bor Deinem Blicke schlossen sich die Wunden,
Und Tagesleuchten floß durch meine Nacht.
Und nun soll ich vom Glücke wieder lassen,
Weil ich als Bettler beuge nicht das Knie?
Du märchenschöner Tag, magst Du verblassen!
Zn Bettlerlappen hülle ich mich nie.
Zch bin zu stolz und weiß sie zu ertrage»,
Die Nächte, die mir drohen, ohne Licht.
Das Leid mag wieder an das Kreuz mich schlagen,
Um Liebe betteln, betteln kann ich nicht!
Vtto von Hagen.

Der Appell an die Lmanzixation vom Spießbürger-
tum und an das künstlerische Empfinden öffnet vielen
den Mund und läßt sie von Dingen reden, die nichts
weniger als künstlerisch sind. So gesteht mancher, wenn
man ihm von der Schönheit nackter Körper redet, daß
er auch schon eine Frau besessen habe.

Man kommt oft in Kreise, die einem mit dem
Brette ihrer moralischen und praktischen Lebensweisheit
so lange vor den Kopf schlagen möchten, bis man so
dumm ist wie sie.

I)H8 LIumMilMeltM.
„Kaukon 8is Voilvkon — —"
Lin Kinäorkänävkon, ?art unck sokmal,
Ilnä ein blauos ^.UA« voll bittvnäor Hual —
„Drei Krounor, Dorr! IVir loiäon Rot,
Dio Nuttor ist krank, äor Vator tot,
Ilnä mein Lrüäorvkon ist nook so z,art unä so klein,
Sollte gspüsch unä Zowartot sein.
OK Herr! Sekt euok äie Veiloken an —
Der Nuttor Dkränon Käufen äaran!"
lok kaufte äie Veiloken — —
Ilnä ckrüokt einen Ouläon ikr in äie Danä;
Da ist sie eilenäs äavongoraunt,
Ilnä vor lauter Lils unä lauter Dlüvk
Liess sie mir ikren Korb rurüok. —
2ukaus' kab' iok's äer Naäonna orsäklt,
Ilnä ikr ru Lüssen äas Körboken gestellt.
äakre vorginAvn — —
Da kab' iok in einer Sominernaokt
Llir einen Lalter naokkaus ^ebravkt —
Nit sokillernäen VuZen, äen kleinsten Lüssen,
Die iok je beäsokt mit Alükenäen Küssen,
Nit bren ienäsn Lippen unä weisser Stirn,
So bleiok unä keusok wie äer ^.Ipsntirn.
Ilnä sioks, aus äem lVlisäer, äem losen,
Liolon nieäer rwoi junZe kosen —
Iok banä sie mit Looken aus idrem Haar,
Ilnä leZt' sie auk meiner Naäouna VItar —
Sie sak es, stanä plöträiok auk unä AMA,
Oakin, wo äas alte Körboken kinZ.
Das Kat sie so seltsam anxssek'n,
Ilnä äa sak iok im ^u§e ikr Dkränen stsiin —
Sie banä ikr Nieäer unä spravk kein Wort,
Sak still miok an^— xinx leise kort-

Ilnä also sokrieb sie:
„Versieb', iok war arm unä musste veräsrben,
Dock sollte äas Sokönste in mir nivkt sterben —
Ilnä sag' äer Naäonna auk Deinem ^ltar,
Sie soll mir verreik'n, weil so elenä iok war-"
Das ist nun wokl lange flakro Ker,
Längst stekt äer ^.Itar äor Naäonna nivkt mokr.
^.uok sie ist tot - Von äen beiäen Lieben
Ist mir nur Sokutt unä ein Lavken gobliobon.
Robert Bez-m-mn.


Wohl mußte ich Wich suf hohen Schulen
In dicken Büchern um Weisheit buhlen;
Die trsnsrendenlslsteu SchönheitssWrhren
Nrrnte ich heiß als Jüngling verehren.
Was waren blühende Wüste mir?
Wich pritschte fündige Wissrngirr . . .
Doch später geriet mein Blut in Vxstase;
Ich blieb kein Vrübler und Phrssen^Pvafser,
Ich wurde kein Priester und Weibes--W«sser,
— Der rote Mönig stand suf voll Mare,
Und Hal in junger Mrühlings-Macht
Siegreich geschlagen die erste Schlacht.
_ Hans Till ut Mölln.
Ls ist mir ru lumpig, ein Lump ru sein,
Slots block' iok clor Lump mvinor Sorto,
Uncl sinll vs suek oft nur rockt Lumporvin,
Ick Kalts miek svldvr keim Worts.
Vock Wenigs giebt es, llie tapfer unll ivakr,
Unll vort llvs Lumpsnorllon —
Kvralls an lumpiger Sacke kllrwakr
Sinll Viels ru Lumpen geworden.
koorx Rossini.
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