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Der Affenspiegel: satyrische Wochenschrift — 1901

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https://doi.org/10.11588/diglit.48272#0066
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Sehen Sie, Gnädigste, dieses Volk ist blöde wie ein deutscher Klassiker: I^ch verstehe mich aus's Schweine
schlachten, kann Hurrah schreien und Stiefelputzen, mein Stammbaum reicht soweit zurück, daß ich bereits
degeneriert bin — warum wählt man denn nicht mich zum Bürgermeister von Berlin?


Kontraktbrüchig!
Tragikomödie in einem Aufzuge von Axel Delmar.
Personen:
PaulSarrow, Pensionierter Hofschauspieler, Direktor einer Akademie für
Schauspieler.
Erwin Mercy, Inhaber des dramatischen R.
Scene:
Kleines behagliches Zimmer, 100 Bücher auf einem Hängcbrett, zwei große Schleifen
rechts, zwei links an der Wand- gerupfte Lorbeerkränze, mehrere eingerahmte
Theaterzettel, eine Photographie von Friedrich Haase, selbstverständlich mit leut-
seliger Widmung vervollständigen das Amöblement des wohlverdienrcn Ruhesitzes.
Auf dem zum^Schreibtisch erhobenen Ausziehtisch liegt ein Rollenbündel und ein
selbst präparierter Hasenschädel, von dem eine ewige, düstere Hamlctstimmung
ausgcht ü -- Es ist^Nachmittag Sarrow thront hinter dem Schreibtisch, Merey
schüchtern davor.
Sarrow: Kontraktbrüchig und unter erschwerenden Umständen —
ja, was fällt Ihnen denn ein!? Sind das die Früchte meines Unter-
richts, all der Lehren, die ich Ihnen auf die Bühnenlaufbahn mitge-
geben!? So mißbrauchen Sie mein Vertrauen, das ich in Sie gefetzt,
die Empfehlungen, mit denen ich Sie ansgestattet?! So ruinieren
Sie sich gleich beim ersten Engagement die Carriöre?! Sie, der zu
so schönen Hoffnungen Berechtigte?! Sie. der nicht nur mein Lieblings-,
sondern auch mein einziger Schüler war!? Schämen Sie sich denn nicht,
Herr Mehr oder wie Sie jetzt heißen, Merey?! Ist das der Dank,
Herr?!?! (langsamer Augenaufschlag mit einem Blick voller Frage und
Ausrufungszeichen.) Darum hatte ich Ihnen das Honorar für die Stunden
nicht auf 20 Reichsmark postnumerando ermäßigt! Stolz wollte ich
einst auf Sie sein, Meyer — Merey, stolz! Sie wagen es noch, vor
mein Angesicht zu treten nach dieser ersten That, die von Ihnen reden
macht?! — (der Blick wird noch voller.) Ein so sanfter, sympathischer
Mensch wie Sie waren, und diese schnöde That!? Das haben Sie
auch nicht von mir, nicht von sich!!! Wer hat Sie dazu angestiftet,
Meyer? Sprechen Sie, Merey! (Die Augen treten mit einem Ueberfluß
der bereits genannten Interpunktionen drohend aus dem Kopf.) Welcher
Satan ritt Sie?!?!
Merey: (gebrochen) Die Frau Direktorin!
(Tiefe, das Blut gefrierende PauseO
Sarrow: Junger Mann — —! Ich kenne die Frau seit fünf-
undzwanzig Jahren! Zwei Jahre haben wir damals zusammen gewirkt
und Ruhm geerntet! Später, als ich bereits zu den Sternen unsers
Hoftheaters gehörte, habe ich auch noch oft bei ihr gastiert! Die Frau ist
die Kunst selbst! Das sagte ich Ihnen, als ich Sie nach dort empfahl!
Auf diese Frau lasse ich nichts kommen bis an's Ende meiner Tage!
(legt feierlich die Hand auf den Hasenschädel.) Was haben Sie sich ihr
gegenüber zu Schulden kommen lassen, Herr Emil,Mever!f!?
Merey (anffahreiio): Ich?!
Sarrow (erfreut über seine Schule): Ich?! Sehr gut, Merey!
Sie!!
Merey: Gar nichts! Ich konnte es blos nicht mehr aushalten!
Sarrow (maßlos erstaunt): Wieso!? Spielten Sie nicht Ihr
Fach?!
Merey: Ich durfte mir die Rollen sogar aussuchen!
Sarrow: Ha! Daran erkenn' ich meine Pappenheimer!
Merey: König Lear, Karlos, Striese, Cyrano, Bettelstudent,
Wallenstein und Charley's Tante, was ich wollte!
Sarrow (blickt verklärt ans seine Kränze): Auch ich habe alle
gespielt! Ja, so ist sie, die Edle! Wen sie fördert, dem steht die
Welt offen! Und bei der Beschäftigung gehen Sie durch!? (er setzt
das folgende Wort mit so gewaltigem Atemzug an, daß es wie aus einem
Dampfventil hervorpufft und zischt) Mensch—sch —sch!? Auf den Knieen
sollten Sie nm Verzeihung bisten nnd zurück zu ihr!!
Merey (in schlechter Melchthalpose): Niemals, niemals wieder!
Sarrow: Mehr Entsetzen, Schmerz, Wahnsinn, grausen Groll im
Blick! Doch lassen wir das! Bekamen Sie Ihre Gage nicht!?
Merey: Auf die Minute! Zehn Mark Zulage nach vierzehn
Tagen und ein Benefiz an jedem Ort mit Aufenthalt über vier Wochen!
Sarrow: Meyer Merey, Sie fangen an, mir fürchterlich
zu werden Ihr Kontraktbruch grenzt an Wahnsinn! Was war's, sprich!
Merey: Frau Direktor war oft so sonderbar!
Sarrow: Wenn's weiter nichts ist---
Merey: Und machte mir immer Zumutungen!
Sarrow: Zumutungen?? — — —
Merey: Auf Schritt und Tritt stellte sie mir nach —-
drängte sich auf nnd ran!
Sarrow: Mütterliche Fürsorge, Freundchen, ich kenne das!
Merey: Nee! Lieben sollte ich sie!
Sarrow: Parapluie — — noch immer!?
(Pause für ein zwiefaches, gut abgestimmtes Erinnerungsstöhnen.)
Sarrow: Das hatten Sie allerdings nicht kontraktlich, jedoch mit
allem schuldigen Respekt hätten Sie der Prinzipalin begegnen können!!
Merey (mit irrem Blick): I — —
Sarrow (nachdenklich): Zu meiner Zeit-lieber Merey-
sie war mal sehr appetitlich! Kocht sie noch immer so ausgezeichnetes
Schwarzsauer mit Backobst??
Merey (nickt): Hm — jä!
Sarrow: Zum Benefiz gab es eine Flasche Trittenheimer und
einen altdeutschen Napfkuchen —
Merey: Nachmittags Schokolade!!
Sarrow: Richtig! Schöne Zeiten das!!
Merey: Hm — jä — — darum thut's mir ja auch leid,
lieber Meister! Ach, es war so schön, wie ich hinkam! Meine Antritts-
Rolle war der Prinz Ferdinand in „Ein edles Frauenherz". Auf der
ersten Probe nahm sie der ersten Liebhaberin die Hauptrolle, die Königin
Luise ab. Das Mädel war so nett in der Rolle und ich freute mich
schon darauf, mit ihr häufiger zusammen spielen zu können! Sie mußte
die alte Oberhofmeisterin, Gräfin Voß übernehmen, eine Perrücke von
weißer Wolle anfsetzen, und die edle Königin spielte Frau Direktorin
selbst! Rote Bäckchen, Gretcheuzöpfe im ersten Akt, natürlich semmel-
blond und im letzten kam sie ausgeschnitten! — Sehr decent, Gottseidank,
aber ich stellte sie mir gleich als „Niobe" für den nächsten Abend vor!
Als „schöne Helena" wurde sie sogar in Zielenzig angeblasen! Durch
die Trikots sah man ja die Krampfadern! — — —
Sarrow: Sie muß sich sehr, sehr verändert haben!
Mer y: Die weiblichen Mitglieder mußten sich verhäßlichen, blos
damit sie als Schönheit glänzte. Die bekamen Kostüme aus Futterstoff,
sie behing sich mit lauter durchsichtigen Sachen, Mull, Chiffon, was
weiß ich, wie die Spinneweben alle heißen! Unsere Naive, ein nied-
liches Küken von sechzehn Jahren, hatte die „Viarda" zu spielen, während
Frau Dire tor als „Preziöschen" überhand nahm! Und warum machte
sie sich so närrisch?! Bloß um mit mir zu spielen!!
Sarrow: Sie sehen zu schwarz, Merey!
Merey: O — ich habe das auch nicht so bemerkt, im Anfang!
Sie ist die beste Schauspielerin bei uns, ganz ohne Frage! Anders
engagiert sie ja auch nicht! Keine darf besser sein! Die Naive ist eine
blutige Anfängerin, die alles runterrasselt, Stichwort und den ,'ganzen
Plunder. Die Sentimentale hat 'n Stockschnupfen und wird schon vom
Soufleur nicht mehr verstanden, wenn sie loslegt! Als „Maria Stuart"
dichtete sie ungefähr so : „N'eilmende Molkmen, Msegmer der Müfte, mer
mit N'Ench wanderte, mit .N'Euch müsste!" Da muß sie doch besser
sein! Nicht?
Sarrow: Mein alter Freund Haase lispelte und wurde doch ein
ganz passabler Darsteller!
Merey: Die Soubrette hatte keiu musikalisches Gedächtnis. Die
sang was aus Boccaccio. wenn's den lustigen Krieg gab, alles durch-
einander! Unser Kapellmeister sang ihre ganze Partie mit, sonst
kam sie raus! Na, ich war immer froh, wenn die Direktorin spielte.

Die hatte das ganze Repertoire intus. Und lernen konnte man
was bei ihr. Nach der neuen, realistischen Schule. Alles möglichst
natürlich. Es stand auch immer auf dem Thegterzettel: Regie
nach dem Muster des Deutschen Theaters in Berlin. Z. B. Der
Irre von Mariaberg! Da hatte sie's Regiebuch von Brahm direkt
bezogen.
Sarrow: Aber das sind doch noch keine Gründe für das Con-
traktverbrechen, Herr! ?'
Merey: Gewiß nicht! Sie nahm sich meiner so an! Ich war
ordentlich gerührt darüber. Ich kam doch frisch von Muttern und

sah in ihr so etwas wie eine muntere Pensionsmama. Sie sorgte und
half nach, wo sie konnte. Mal bekam ich eine neue Cravatte,
zum Stück passend; dann mußte ich ihr meine Wäsche bringen, und
ich ging sauber und adrett. Im Strümpfestopfen übertraf sie alle
meine Tanten. Meine Stiefel ließ sie besohlen, meinen Frack, den
ich noch von Vatern her habe, bürstete sie mit Essig auf, meine
Trikots färbte sie bald rosa, bald waschblau, wie's gerade am schönsten
zum Kostüm paßte! Hatte ich eine . Scene besonders gut gespielt,
umarmte sie mich vor'm ganzen Personal und hatte ich 'ne Liebes-
szene mit ihr, dann spielte sie so hinreißend, daß man kaum mitkam.

Als Romeo und Julia hatten wir einen kolossalen Erfolg. Da
ist die Frau in der Gartcnfcene zum Schluß vom Balkon runter-
geklettert und hat mich umgeürmelt, daß die Rippen knackten!
Sarrow: Ja, sie hat eine eigenartige Vehemenz!
Merey: In Zielenzig hatten wir drei Monale Spielzeit
vorgesehen. Leider fand ich kein Zimmer. Die Leute sind dort
ein bischen zurückhaltend uns gegenüber. Auch da wußte sie
Rat. Bei ihr im Hause war noch eine leere Mansarde. Die
wurde hergerichtet, und nun hatte sich mich, wie sie wollte! Ge-
pflegt wurde ich ja, Alles was recht ist, pompös!! Alle meine
 
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