Der Affenspiegel: satyrische Wochenschrift — 1901

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Die große Tragödin hatte Empfangsabend.
Es war immer ein kleiner, auserlesener Kreis, der bei ihr
zusammentraf; meist Künstler, Gelehrte, die in der Kunst oder dem
öffentlichen Leben eine Rolle spielten, dazwischen wohl auch junge
Diplomaten und Offiziere.
Da plauderte man, still, ungezwungen, von Kunst, Litteratur
und vom Tage. Die Gastgeberin lehnte am Kamin, in dem das
Feuer knisterte. Und die Glut der Flamme ringelte sich an dem
großen, geschmeidigen Frauenkörper empor und schmiegte sich in
die weichen Falten des weißen Rockes. Ihre Augen waren unde-
finierbar an Glanz und Farbe, bald grauhell, bald tief nud schwarz.
Feine Falten schlossen die schmalen Lippen ab und gaben ihnen
etwas herbes, jungfräuliches —
Man sprach von der Liebe.
Und von der platonischen im Besondern. Die Männer stritten,
ob der platonischen Liebe überhaupt eine Existenzberechtigung znge-
sprocheu werden könne.
Die Tragödin lächelte —
Ein älterer Maler mit bleichendem Mephistobarte dehnte sich
geräuschvoll in seinem Plüschsessel.
„Die Liebe" meinte er, „ist ein großer Garten voll
Rosen und Unkraut. Ganz im Schatten der Mauern wachsen
kleine Blümchen, Mauerblümchen genannt. Die den schweren
Rosenduft nicht ertragen können, halten sich an die Mauerblüm-
chen, die nicht duften, aber auch nicht stechen".
„So glauben Sie also doch", frug ein junger Litterat
mit melancholisch hängenden Bartspitzen, „an die Existenz der
platonischen Liebe?"
„Gewiß. Als Krankheit."
Eine junge Frau mit schmalen Händen, die meistens schlaff
in ihrem Schoße ruhten, und kurzgeschnittenen Haaren widersprach.
„Ihre Behauptung, mein Herr, würde hinfällig, wenn
Sie mit dieser Krankheit Bekanntschaft machten. Sie gingen ihr
bisher jedenfalls aus dem Wege!"
„Sie könnten Recht haben, Madame", antwortete der
Maler phlegmatisch.
„Ich aber" fuhr die junge Dame hitzig fort, „halte
die platonische Liebe für die endliche Vollkommenheit der mensch-
lichen Seele".
„Oh" mischte sich ein Offizier ein, das Monocle in das
Auge klemmend, „wie wollen Sie das beweisen?"
„Sehr einfach, mein Herr! Neunen Sie mir eine Leiden-
schaft, die schlimmere Instinkte fördert als die sinnliche Liebe!
Ehrgeiz, Herrschsncht, Eitelkeit — können ihre Opfer sich mit
denen der sinnlichen Liebe messen? Und eine Empfindung, die
neben den guten — die ich keineswegs leugnen will — entsetzliche,
bestialische Begierden weckt, kann doch nicht Tugend sein? Und
Tugend ist, was gut ist".
Der Offizier streichelte den sorgsam gepflegten Schnurrbart
und lächelte.
„Es ist gut für Sie, Gnädigste, daß Sie kein Mann sind;
Sie würden die Strafe ewiger Lächerlichkeit auf sich laden. Als
Frau haben Sie vielleicht schlimme Beobachtungen gemacht und
urteilen zu allgemein. Ich für meine Person".
„Ich weiß, was Sie sagen wollen" unterbrach ihn mit einem
sarkastischen Lächeln seine Gegnerin. „Allein es hat schon so
mancher in einem Buche gelesen und weiß nichts von dem In-
halte desselben.
Jedenfalls zeitigt die platonische Liebe kein Verbrechen.
Tritt der Gedanke an ein solches ans, so ist die Liebe bereits nicht
mehr platonisch.
Diese Liebe kennt keinen Egoismus. Jedes Begehren ist
ihr fremd.
Die sinnliche Liebe basiert auf dem Verlangen nach Genuß.
Und Genuß ist Egoismus".
„Nun gut. Angenommen, schöne Frau — was weiter?"
„Egoismus ist der Grund alles Übels".
„Glauben Sie wirklich, Madame," mischte sich der Maler
wieder ins Gespräch, indem er aufstand und die Hände in den
Taschen vergrub, „daß die platonische Liebe keinen Egoismus
kennt? Oder ist es nicht vielmehr ein unbestimmtes Verlangen,
die Wollust des Begehrens durch Enthaltsamkeit zu steigern?"
„Nein. Das glaube ich nicht. Die Platonische Liebe ist das
notwendige Bestreben zweier gleich ätherischer Seelen, sich zu er-
gänzen, um als Ganzes eine Vollkommenheit zu bilden."
Eine junge Schauspielerin, die kokett in ihrem Schauielstuhle
lag und ihre Röcke durch Auf- und Abwippen des Fußes rascheln
ließ, nahm ihre Cigarette aus dem Munde und zeigte ihre schneeigen
Zähne —
„Aber, meine Liebe, wenn nun alle Deinen Ideale huldigen
würden, wodurch, nebenbei bemerkt, Hysterie nnd Wahnsinn üppige
Blüthen treiben würden, was sollte da aus-der Menschheit werden?
Zuletzt wäre wohl der Tod noch der einzige Liebhaber, und der
- liebt nicht platonisch."
„Gut," antwortete die junge Dame, „warum aber sollte das
nicht gut für uns sein?"
Eine Pause trat ein.
Der Offizier vergaß, sein Monocle aufznsetzen. Der Maler
warf sich laut lachend in seinen Sessel, und die kleine Schau-
spielerin legte ein Knie über das andere nnd summte eine
Operettenmelodie.
Ein Herr mit weinroter Nase, der greulich earricrte Hoseu
trug uud Kritiken schrieb, brach das Schweigen, sich an die Haus-
frau wendend:
„Und Sie, Meisterin, wiedenken Sie über das mysteriöse Thema?"
Die Tragödin lächelte, ein stilles, verschwiegenes Lächeln.
„Ich möchte Ihnen die Antwort schuldig bleiben. Aber wenn
Sie eine kleine Geschichte interessiert — —"
„Oh — bitte-"
Man rückte zusammen. Die Damen rollten ihre Stühle
näher, die Herren scharten sich um den Kamin.
Ein Halbkreis bildete sich, in dem Zwitterlichte einem Nebel-
kranze gleichend. Und inmitten die duftig weiße Taille und das
elfenbeinfarbene Profil der Sprecherin,
„Ich hatte eine Freundin" begann sie mit leiser, tiefktingender
Stimme, „die drei Jahre das Glück der reinsten Liebe genossen
hat, ohne je den Geliebten zu Gesicht zu bekommen. Das Ende
aber war eine große Lüge-- Sie sind beide längst tot, er
und die Freundin. Sie war Schauspielerin und stand am An-
fänge ihrer Laufbahn. Die Kritik fing an, sich mit ihr zu be-
schäftigen; aber das Publikum mochte sie anfangs nicht. Sie war
zu ernst, empfand zu tief, und das taugt nicht zum Spielen.
Sie litt in ihren Rollen und konnte sie deshalb nicht beherrschen.
Umsomehr mußte sie zu damaliger Zeit eineHuldigung über-
raschen, die ihr Abend für Abend von einem Unbekannten darge-
bracht wurde. Jedesmal, wenn sie nach Ende ihrer Rolle in die
Garderobe trat, stand in derselben ein Korb voll schwerduftender
Heliotropen. Nie wußte sie, wer der Spender war.
Und stets waren einige Worte dabei, meist Verse, in weicher
Handschrift. Schöne, tiefe Worte, die Seele eines echten Dichters. —
In der ersten Zeit suchte sie alle modernen Bibliotheken
ab. Doch nirgends sand sie seine Verse. Auch nicht ähnliche.
Er war ganz eigenartig in seinen Gedanken uud Empfindungen.
Vielleicht hätten sie sich gar nicht zur Veröffentlichung geeignet.
Er schrieb also nur für sie. Nicht für die große Masse,
nicht für einen kleinen Kreis, für sie ganz allein.
Und immer Liebe. Seine Gedichte waren ein wunderbares
Golgatha der Sehnsucht. Es war eine Zeit des reinsten, keuschesten
Glücks, die meine Freundin verlebte. Sie hatte sich au die Verse
uud Blumen gewöhnt wie an einen Geliebten, der immer in Zärt-
lichkeit um einen ist. Sie Hütte ihn auch nicht mehr missen können.
Und diese reine, erhabene Liebe hat sie über alle Klüfte geführt,
an deren Rande die Jugend strauchelt, hat sie bewahrt vor un-
zeitigen Stürmen nnd ihr ein immer gleiches, sonniges Glück
geschenkt.
Erst hatte sie das Verlangen, ihn zu sehen. Daß er krank
war, ging aus seinen Versen hervor. Aber ihm in die Augen
sehen zu können, wäre ihr als etwas unfaßbar schönes erschienen.
Nach Verlauf eines Jahres verlangte sie gar nicht mehr darnach.
Sie lebte, spielte und genoß in seiner Seele. Sie genoß ihn
in der Natur und deren wunderbarem Gebären und Sterben,
genoß ihn in ihren Rollen, als Romeo, als Hamlet, als Leander.
Sie genoß ihn in ihren Träumen.
Und nie ward sie wieder so glücklich wie sie damals war in
dieser Liebe.
So ging das drei Jahre.
Manch Lorbeerkrauz hing schon in ihrer Wohnung, aber in
ihrem Boudoir stand stets ein Korb voll Heliotropen.
Eines Abends lag sie auf dem Ruhebett und dachte an ihn.
Es war ein melancholischer Herbstabeud. Durch das geöffnete
Fenster trieb der Wind ein fahles, gelbes Blatt —
Uno sie stellte sich ihn vor, wie schon so oft. Groß uud
schlank mußte er sein, mit müden Augen und strengen Lippen.
Sein Lächeln aber müßte Jugend sein — —
Da brachte die Zofe ein Packet.
Es trug seine Handschrift, noch verschwommener als sonst.


Bei det miserable Ieschäft wäre et och schon nötig, baß inan für uns ne Invaliditätsversicberung einrichten
würde. Da schafft und hunzt mail det janze Leben for det Mohl der Gesellschaft, un eh de dir umsiehst, bist de
invalide und arbeitsuntauglich.

Mit fiebernden Händen öffnete sie die Rolle.
Sie enthielt ein Tagebuch und eine weiße Rose".
Die Sprecherin machte eine Pause. Ihre Augeu
waren schwarz geworden uud leuchteten heiß. Wie
im Traume fuhr sie fort:
„Als meine Freundin starb, gab sie mir das
Buch als Andenken".
Sie öffnete einen Schrank nnd entnahm ihm
ein Heft mit alten Blättern.
„Ich will Ihnen einiges vorleseu.
Zn Ende des dritten Jahres schrieb er:
September.
Die Blätter welken. Ich werde den Frühling
nicht mehr erleben.
Ich glaubte mit dem Leben abgeschlossen zu
haben. Uud doch überkommt mich eine solch un-
endliche Traurigkeit, wenn ich an den Tod denke.
So muß ein Baum empfinden, wenn ihm der
Herbst Blatt siür Blatt sein sommerliches Leben
raubt, wenn die Sonne immer müder und kühler
wird —
Nun ich den Frühling im Herzen trage, muß
ich sterben.
Und sie weiß es nicht. Uud doch muß sie
meine Liebe fühlen, diese zermarterte Seele, die
immer vor ihr kniet und flüstert —: ich liebe Dich.
Ich habe nie nach ihrem Körper verlangt.
Aber angesichts des Todes, der alle Sehnsucht aus-
löscht, überkommt mich ein brennender Durst nach
Schönheit.
Das Leben ist Schönheit.
Ihr Leib aber ist Leben.
Ich habe all die Schönheit ihrer Seele ge-
nossen und brauchte drei Jahre.
Nun bin ich gesättigt. Und ist nicht auch
die Seele vergänglich gleich dem Körper? Ist
nicht allein der Körper die Erfüllung des
Evangeliums, das uns Tag und Nacht die Sehn-

sucht predigt?" Und weshalb hätte die Natur die
rühmenden singen Glieder geschaffen, diese
pulsierende Wahrheit, diesen weißen Leib, durch
dessen Haut man das Blut strömen sieht, wie
Wein in eiuemsiungfräulichen Gefäße?-
Oktober.
Oh, daß ich siech und lahm sein mußte von
Jugend auf!
Was habe ich gesündigt, daß der Schoß der
Natur, der so viel unendliche Schönheit erzeugt,
mich verkrüppeln lassen müßte! Und sie gab mir
doch die Sehnsucht mit ins Leben, diese unbändige
Sehnsucht!
Ende October.
Es wird kalt.
Gestern war ich im Theater. Seit sechs
Monaten wieder zum ersten Male. So selten
gelingt es mir, den schlaffen Körper zum Gehorsam
zu zwingen.
Sie war schön — —
Aber ihre Seele ist herrlich.
Wenn sie weint, dann scheinen die gefallenen
Engel emporzusteigen zu den ewigen Altären der
Schönheit, und sie scheinen niederzuknieen vor
den blassen Gestirnen und ihre heißen Gebete
emporzuschicken zum Throne der Madonna — —
Wenn sie aber lacht, dann ist es, als rolle
die goldene, leuchtende Sonne durchs blaue Meer
und schaukle sich in unendlichem Entzücken und
sende ihre glühenden Küsse zu den Gestaden, wo
die Menschen sie auffangen und sich um die
Häupter schlingen zn leuchtenden Kronen der
Glückseligkeit —
Wenn sie aber stirbt, dann ist es, als
wanderten die bleichen Sterne in langen Nebel-
gewanden über berstende Gräber, und der milde
weinende Christeugott strecke seine weißen Hände
aus über den schwarzen Abgrund, da die Welten

zusammenstürzten, und riefe hinunter ein Lied von
Liebe nnd Erlösung — --
Ende October.
Ich war auch gestern im Theater.
Ihrer Schönheit willen.
Ihr Körper ist weiß wie Perlen und
tannenschlank.
Als ich nachhause kam, kniete ich lange vor
ihrem Bilde.
Und die Nacht war eisig.
Ich lag in den Kissen und wühlte und biß
in die Decken.
Anfang November.
Ich werde sie nie mehr sehen können. Nun
ich fort soll vom Leben, dürste ich nach lachender
Schönheit. Ihre Liebe möchte ich trinken in
langen Zügen — —
Mitte November.
Wie eine Hölle brennt meine Brust. Ich
habe meine heißen Glieder gestern gegen ihr Bild
gepreßt.
Möge sie mir die Sünde verzeihen.
Ende November.
Es geht zu Ende.
Aber ich will in Schönheit sterben —
Hier schloß sein Tagebuch.
Unten stand seine Adresse —
Eine Stunde später stand sie vor dem eleganten
Portale und klingelte.
Ein alter Diener öffnete.
Er fragte nicht nach ihrem Begehr. Wortlos
führte er sie durch dunkle Gänge, in denen eine
warme Luft lag, bis in ein kleines Gemach.
Die Wände waren mit Teppichen und Waffen
behängt.
Dazwischen standen melancholisch junge Palmen.
Und an der einen Wand, lebensgroß, in keuscher
Nacktheit, wunderbar wie Milos Venus — sie.

Darunter frische Blumen.
Und in weißen Linnen, in einem schweren,
prunkvollen Bette lag er.
Einen Augenblick stand sie, wie erstarrt.
Das war er nicht.
Ihr Geliebter war schön, mit feingeschwungenen
Lippen und weichen Augeu.
Der Mann, der da lag, war alt und häßlich,
hohlwangig, mit matten, tiefliegenden Augen und
kahler, durchfurchter Stirne. —
Doch nur einen Augenblick stand sie so.
Als er sie ansah, so tief, so flehend, da kam
ein unendliches Mitleid über sie und trieb sie vorwärts
auf die Kniee zu seinem Lager. Und ihre weichen
Arme schlangen sich um sein Haupt.
Es war still.
Doch nur Minuten. Da richtete sich der tote
kranke Mann auf und sah ihr durchdringend in di-
feuchten Augen:
„Liebst Du mich?"
„Ja, ja, ich liebe Dich".
„Ich meine mich, hörst Du, mich, mich. Der
ich bin, der ich lebe, der ich liebe, der ich nach Dir
verlange" -- —
Und sein Haupt sank müde in die Kissen zurück.
Sie aber antwortete mit einem sprühenden Kusse.
Und dann — die Lüge — —
Es war ihre schwerste und schrecklichste Rolle -
sie hat keine mehr so vollendet gespielt.
Tags darauf war er tot — —
Sie weinte nicht, als man ihn ins Grab
senkte, und doch starb mit ihm ihre Liebe.
Sie ist nicht mehr glücklich geworden — --"
Die schöne Frau hatte die letzten Worte fast
unverständlich, wie zu sich selbst gesprochen.
Ihr Profil leuchtete noch weißer durch die
Dämmerung —
Draußen stiebte der Schnee —
Im Kamine knisterte das Feuer —-

Der Afscrppiegel: Revigiert unv herauszegeden von Robert Heymann, Amalienstraße 1.8/Il. Für die Reoakuon verantwortlich: Valentin Karl, beide in München. — Druck und Verlag „Frührot" München.
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