Der Affenspiegel: satyrisch-politische Wochenschrift — 1901

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Ein Spielmannslied.
Schon färbt das Laub des Herbstes Hauch,
und noch kein Heim gefunden,
nach dieser faulen Sitte Brauch
sind wir noch nicht verbunden.
Und haben uns seit Jahr und Tag
geliebt schon und gelitten,
und uns, soviel ein Mensch vermag,
nach Ehe umgestritten.
Bis jetzt doch hat der Pfaffe nicht
ein Belt für uns gesegnet,
geheim beschimpft uns mancher tvicht,
so oft er uns begegnet.
Doch hat man manchem Schandgeschäft
den Namen L h' gegeben,
wenn das Lmpfinden noch so äfft
ihr Thun an Leib und Leben.
Nein, Kind — mit dieser Satzung Not
kann ich mich nicht befassen!
schon färbt der Herbst die Blätter rot
die Blume stirbt in Massen.
Nein, Aind — ich wart' nicht, bis mein Haar
der Herbst bleicht kräftemüde !
viel lieber wie ein Hasenpaar
gehetzt, verfolgt und in Gefahr,
daß schnüffelnd naht die Rüde.
Schon salbt das Laub, schwer fällt die Frucht,
und Nebel hängen nieder.
wie Dich mein Auge brennend sucht!
und Häher, höher steigt die Sucht
nach Dir und zieht mich fort mit Wucht,
hinein in eine stille Bucht,
d'rin flattern Hochzeitslieder.

Sievöen.
Ein Herbstlied von Fedosia.

Langsam, wie ein zitternder Schatten, bewegt sich ihre kleine Ge-
stalt zwischen den hohen, schwarzen Palmen des langen Parkes. Ein
melodisches Flüstern erhebt sich. Die Kronen schmiegen sich neigend
an einander. Es schreitet weiter, wird stärker und verklingt in fernen
Tönen am anderen Ende der Allee. Lautlos schwebt hie und da ein
Blatt zu Boden und färbt wie ein großer Bluttropfen die Wege.
Schon sieht es aus, als sei ein Purpurteppich ausgebreitet, den ihr
zierlicher Fuß gewühlt. Auf den weißen Marmorgöttern schläft noch ein
zarter roter Abendschimmer der Sonne.
Sie tritt an sie heran. In ihr elfenbeinfarbenes Gesicht huscht
ein Lächeln; sie fährt liebkosend mit der schmalen Hand die kalten Ge-
stalten entlang.
Dann schreitet sie langsam weiter. Vor dem See bleibt sie stehen.
Sie löst ihr Haar. Goldig, schwere Massen gleiten das schwarze Sammet-
kleide entlang.
Sie betrachtet ihr Bild. Klar und ruhig spiegelt es der See.
Eine welke Lilie in einer schlanken, schwarzen Vase.
Sie ist müde. Auf einer Marmorbank läßt sie sich nieder. Sie
findet ein paar dunkelrote Rosen auf dem bläulichen Gestein und
steckt sie in das Haar.
Wehmutsvoll gleitet ihr Blick die Nachtlandschaft entlang. Ein
Abschiednehmen.
Also es sollte nicht mehr lange dauern. Heute hatte sie es ja
gehört. Wie lächerlich, es ihr zu verheimlichen. Als ob sie es nicht
schon längst selbst wüßte und jede Nacht meinte, dies sei die letzte
Wanderung durch ihren Park. Wie leicht sie sich fühlt. Langsam,
schmerzlich hatten sich die jungen Lebenskräfte losgerissen, aber jetzt ist sie frei.

Husch — wie kalt!!
Aber sie kann die nächtlichen Parkwanderungen nicht lassen. Der
Schlaf flieht schon lange ihr Prunkbett. Nur selten naht ein leiser
Halbschlummer. Aber dann kamen Träume. Schwere Träume. Wie
lange, dicke, zottige Schlangen kamen sie die Purpurdecken ihres Bettes
heraufgekrochen und bissen sich in ihrer Brust fest, und sie sah ihre heraus-
quellenden, gelben Augen glänzen und ihre Köpfe über ihrem Gesichte
schweben. Dann war sie immer aufgesprungen und in den Park geeilt
zu ihren weißen Marmorgötteru.
Dem feuchten Wiesengrunde am See entweicht ein langer, weißer
Nebelschleier. In weichen großen Windungen steigt er in die Höhe und
bleibt im Wipfel eines Banmes hängen. Bald ist alles in einförmiges
Weißgrau gehüllt.
Und sie faltet die schmalen Hände und fleht zu den Marmorgöttern
„Schenkt mir noch einmal einen Schlaf, einen traumlosen Schlaf!"
Und die Marmorgötter nicken milde lächelnd.
Eine Lichtwelle ergießt sich über die Landschaft. Der Mond tritt
klar aus dem schwarzen Gewölke.
Der silbernen Nebelflut entsteigen die weißen Marmorgestalten und
die leicht sich neigenden Bäume in rätselhaft geheimnisvollen Formen.
Sie macht mit dem Arm eine Bewegung. Eine rote warme Blut-
welle ergießt sich auf ihre weiße Hand. Sie lächelt schmerzlich. Und
sie fühlt sich so matt und lehnt sich zurück.
Die Wellen des Sees kommen schluchzend an das Ufer. In den
Kronen der Pappeln erhebt sich ein melodisches Flüstern. Langsam
schreitet es die lange Allee entlang. Ein zärtliches wehmutsvolles Ab-
schiedslied wiegt sie in einen langen, tiefen Schlaf ....
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