Der Affenspiegel: satyrisch-politische Wochenschrift — 1901

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Vri8 Hvü vom Ili inrl.

Frei aus dein Lnglischen von Robert kfeymann.

Laß eine Frau, die Augen rot,
Mit furchenreicher Stirn,
Den müden Leib mit Lumpen bedeckt.
Und führte Nadel und Zwirn.
Stich und Stich und noch ein Stich —
Mit Lauten klanglos und fremd
Sang sie inmitten von Not und Schmutz
Das traurige Lied vom Hemd:
Arbeit, Arbeit und ewige Frohn!
Menn früh die Hähne kräh'n —
Und Arbeit und Arbeit und neue Frohn,
Menn die Sterne am Himmel steh'n!
Sagt, nennt Ihr das noch Christentum,
Die Ihr das Aindlein tauft,
Und auf des Lebens Handelsmarkt
Der Frauen Seelen verkauft?
Arbeit, Arbeit und ewige Frohn!
Bis der Gedanke versiegt.
Arbeit und Arbeit und neue Frohn,
Bis der Tod die Seele besiegt.
Saum und Falten und Band an Band,
Band und Falten und Saum —
Bin bei den: Säumen ich eingenickt,
Näh' ich die Bänder im Traum.

O Männer, die Ihr noch Mitleid kennt.
Noch küßt ein liebendes Meib —
Denkt, nicht ein Hemd aus Linnen nur,
Lin Leben tragt Ihr am Leib!
Stich und Stich und noch ein Stich,
Arbeit, Schmutz und Leid.
Näh' mit doppelt gutem Zwirn
Hemd wie Leichenkleid.
Doch weshalb sprech' ich vom Tod?
Dem klappernden Gebein?
Ich fürchte ja nicht die Schreckensgestalt,
Scheint sie doch die meine zu sein!
Muß ja fasten Tag um Tag,
Teuer ist das Brot.
Billig allein ist das trockene Bein,
Fleischlos durch die Not.
Arbeit, Arbeit und ewige Frohn!
Mard nimmer des Lebens froh!
Und all der Mühe nächtlicher Lohn —
Lin Bett mit faulem Stroh.
In dem Stübchen kaum ein Stuhl,
Mauern und Fenster krumm —
Deckt mein Schatten die Blößen zu,
Bin ich dankbar d'rum.

Arbeit, Arbeit und ewige Frohn,
'S ist immer das alte Lied.
Gleichwie der Mörder für seine That
In seiner Zelle sich müht.
Saum und Falte und Band an Band,
Band und Falte und Saum —
Bis die zitternde müde Hand
Findet die Nadel kaum.
Arbeit, Arbeit und ewige Frohn
Im düstern Dezemberlicht.
Arbeit, Arbeit und neue Frohn,
Menn der Frühling durch's Fenster bricht.
Nistet ein Schwalbenpaar unter dem Dach,
Nistet sich weise und gut,
Mollen mich necken mit ihrem Glück
Und ihrer heimlichen Brut.
Ach, könnt ich atmen der Blumen Hauch,
Ach, wär's mir nur einmal erlaubt.
Zu sitzen im grünen saftigen Gras,
Den Himmel über dem Haupt —
Fühlte ich einmal noch so wie einst,
Lhe ich kannte die Not —
Lhe ich durch meine Seele erkauft
Mir ein Stückchen Brot —

Märe mir nur eine kurze Stund'
Die kleinste Erholung gewährt-
Doch nichts, weder Liebe noch Hoffnung mehr,
Nur Not, die die Häßlichkeit nährt.
Thränen möchten erleichtern das Herz,
Das mir das Llend bricht —
Doch ist der Tropfen im Linnen ein Fleck
Nein — weinen darf ich nicht!-

Saß eine Frau, die Augen rot,
Mit furchenreicher Stirn,
Den müden Leib mit Lumpen bedeckt,
Und führte Nadel und Zwirn.
Stich und Stich und noch ein Stich-
Ihr Reichen, die Stimme so fremd,
Sang mitten in Llend, Hunger und Schmutz
Das traurige Lied vom Hemd!
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