Allgemeine Literaturzeitung: Supplemente zur allgemeinen Literatur-Zeitung — 1785 (1787)

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lind Staalrmhnhe^ Mit dem Denkspruch über dem
Denkspruch über dem Titelkupfer: l.eddite, quae
sunt Caesaris, Caesari, et quae sunt Del, Deo.
1785· 319 s· 8.
Die Eintracht zwilchen den beiden Mächten, der
Macht der Kirche und des Staats — ist auch so ein
Stein, den ichon seit langer Zeit viele Weisen ver-
geblich gesucht haben. In diesen unsern Zeiten,
welche so gewaltige Revolutionen ohne grossen Auf-
wand von ausserlieher Gewalt hervor - und zur Reife
bringen , scheint auch dergleichen Eine auf der
Grenze dieser beiden Mächte in den katholischen
Staaten bevorzustehen, und wenn diese nicht in
Kalisate übergehen feilen, so muss wenigstens doch
die ßestimmung des wechselseitigen Verhältnisses
des Staats und der Kirche durch eine gütliche Ueber-
einkunst beider Mächte von Grund aus und im gan-
zen Umsange geschehen. Der V. dieser Schrift scheint
sehr lebhaft hievon überzeugt zu seyn, und weil er
die Entwicklung der hier eintretenden Grundsätze
für den geraden und sichersten Weg hält, die Ein-
tracht beider gedachten Mächte herzusitellen und
aufrechtzuerhalten, so sucht er nun dieselben nach
aller Strenge der Demonilrations-Methode, aus dem
Grundgesetze der positiven Stiftung der Kirche und
der hieraus sich ergebenden ßestimmung des Um-
fangs der kirchlichen Macht, und aus der Grund-
bestimmung des Staats und der hieraus sich ergeben-
den ßestimmung des Umfangs der bürgerlichen Ge-
walt — zu entwickeln. Aus diesen ersten und ein-
fachsten Grundsätzen feile so dann, seiner Meynung
nach, die sonst unaussösliche Erage lieh von selbll
aussösen: „was im katholischen Kirchensystem, nach
seinem Wesen betrachtet, von der Kirche dem welt-
lichen Regenten salva side eingestanden werden kön-
ne und feile?“ — Alles verlieht sich nach Maassgab
der einverstandenen Grundregeln des Katholicismus:
und eben dies war es, das uns auf die Ausfüh-
rung des V. um so begieriger machte. Weit hinein
geht es nun ohne erheblichen Anstoss, Bey man-
chem Knoten hilft sich der Verf. mit guten aufrich-
tigen Distinctionen. Z. B. S. 134. „Man unterschei-
de, heisst es da, das lUefentliehe der katholischen
Religion von dem Zusälligen, das JFesentliche der
geistlichen Macht von ihrer zu weiten Ausdehnung,
an welcher die Regenten selbst manchmal Schuld
hatten, und von dem Misbrauche derselben. Aber
den Hauptknoten, die beiden, als von einander ranz
unabhängige höchfte Mächte — über ein und eben-
dalselbe Territorium und über ein und ebendiesel-
ben Personen — miteinander nach Grundsätzen zu
vereinigen — scheint einmal der Vs. nicht anders als
mit Alexanders Schwerdt gelöst zu haben, wenn es
gegen dps Ende zu, S. I36· u.f. heisst: „Indelsen

sseht jeder leicht ein. dass, £0 gewiß; sich eine Li-
nie zwisthen beiden Mächten ziehen lässt, welche
ihre Grenzen bellimmt. so schwer sey es, sie zu
ziehen. — Man kann nicht immer in einer geraden
Linie fortmessen, wie man gerne wollte. Die Gren-
zen des Einen beugen in die Grenzen des Andern
ein. Wollte ein Theil hartnäckig aus der geraden
Linie (demganzen Zusammenhange nach kann aber
diese nichts anders als die Linie des dijfeitigen Rechts
bedeuten,) belieben: so entstiinden bey jedem
Schritte neue Streitigkeiten. Man muss sich also —
in Liebe miteinander betragen, da und dort etwas
wegfallen lalsen, das auf einer Seite nicht wesent-
lieh ist, und auf einer andern Seite wieder einge-
bracht wird. Eine Handlung, ein Difeiplingesetz*
das der Kirche in Hinsicht auf die Beförderung der
ewigen Glückseligkeit des Menfehen nützlich
scheint, kann dem Staate in gewiisen VerhältnilTen.
schaden, Jene hat das Recht, sie zu befehlen, und
der Staat, zu verbieten, und umgekehrt. Bestehn
beide Ίheile fieisfinnig auf ihrem Rechte, so haben
sie ewigen Krieg miteinander. Diesen nun zu ver-
hindern, wollen wir jetzt zeigen, wie sich jede
Macht im Collisionssalle zu betragen habe.‘‘
Die ganze Erörterung davon läuft dahinaus S.
140. „Sie müssen in Liebe sich miteinander betragen,“
Wir dächten aber, und viele andere Leser werden
wohl hierhin mit uns einverstanden seyn; wenn es
nur daraus ankömmt, dass beide Monarchen, der
geist- und weltliche, in Collisionsfällen, sich mitein-
ander in Liebe vertragen feilen, so braucht es nicht
viel Demonstrirens, um jeder der beiden Mächte
Ihre gehörige Grenzen zu bellimmen. Dagegen ist
aber auch damit auf den Fall, dass der Eine Supe-
rior gegen den Andern auf seiner unabhängigen
Gewalt steif und feil besteht, wenig geholfen. Je
mehr man der Sache nachdenkt, und je aufmerksa-
mer man auch diese übrigens gut geschriebene Ab-
handlung durchgelesen hat, dello mehr wird man
überzeugt, dass der Katholicismus dem Staate auf
eine gedoppelte Weise befchwerlich fällt, indem
er eines Theils Collisionen zwischen der Kirche und
dem Staate unvermeidlich, und andern Theils diesel-
ben durch die anmaassliche Unabhängigkeit seiner
vorgeblichen Gott - und Christus-Gewalt um fe viel
beschwerlicher macht. Unverkennbar sind auch
hierhin die Vortheile das Proteilantismus, und ge-
hören sie gleich nicht unter die hauptsächlichsten,
die er in Vergleichung des Katholicismus gewährt,
so ist es doch wahrer Vortheil, dass er zwischen Staat
und Kirche die Eintracht wiederhergestellt hat, wel-
che bey jenem ein pium_i)efiderium ewig bleiben
wird.
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