Allgemeine Literaturzeitung: Supplemente zur allgemeinen Literatur-Zeitung — 1785 (1787)

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vom Jahre 178 5·


Numero 6l

PHILOSOPHIE.
HMIünchen, bey Strobl: Kernunftlehre sür Men-
*- Öfchen, wie fie find. Nach den Bedürsnijfen
unfrer Zeit. Von D. Μ. Sailer. In zwey
Bänden, 1785. 1. ß. 391 g, 2. B. 388 S.
gr. 8vo. (sThl.)
Der Verfasser hat schon viel Aussehen in
der gelehrten Welt gemacht, und er wird be-
sonders in Verdacht genommen , als wenn er an
der Verbreitung des Catholicismus arbeitete, und
als wenn alle seine Schriften in dieser Absicht ge-
ichrieben wären. Die gegenwärtige Schrift ist
auch an und fiir sich sehr merkwürdig. 1) geht
sie von dem Gange und dem Plane einer gewöhn-
lichen Logik sehr weit ab. 2) sind darin
vortressiche Sachen, die man darin nicht erwar-
tet, weil man gegen den Ort und den Versasser
Vorurtheile hat. Von der andern Seite hat das
Buch eben so grosse Mängel. Gar zu oft spricht
der Verfasser im Orakelton, ist weitschweifig und
versällt in Wiederholungen. Ueberall pre-
digt er den Glauben, in dem theologischen
Sinne, auch da wo man ihn gar nicht erwartet,
lo dass man lieh in dem Verdacht bestärkt sseht,
dals alles auf Kirchenthum bey dem Verf. abzielt.
Mann und Werk verdienen es, dass wir unsern
Lesern einen ausführlichen Bericht von letzterem
geben. Die Vorrede ist glänzend, im Orakelton,
und kündigt grosse Dinge an. „Das Euch, heisst
,, es darin, ist für Ungeübte geschrieben, darum
„sind die Gedanken manchmal wie an den Ein-
igern abgezählt. — IHahl dem, der fichs erleich-
tern läfst!“ In der That, ist manches in ein
gutes Licht gestellt. — „ Das Buch ist sür Ge-
„ übte geschrieben; darum Hat sseh der Verfasser
„ Mühe gegeben, bey jedem kleinen oder grossen
,, Abschnitt etwas INichtigcs zu sagen — Wohl
„mir, wem fie finden, was fie fliehen! Mit Wort
»»und Sprache gieng ich um, wie mit meines
„Gleichen: (nicht immer ganz gut!) Mit der
„Wahrheit aber meistens (also nicht immer!') wie
„mit einem Heiligthum; ost auch, wie mit ei-
gnem vertrauten Freunde, (viel gesagt!) —
4, LZ, 1785. Supplffliwtbandi

„Ob im Buche Ordnung sey? Keine, die im
„Vorhofe der Wahrheit zimmert. Also eine, die
„mit Freyheitssinn ins innre Gemach derfelben
„eindringt. — (Wahrlich, viel! Wenn D. Sailer
„ mit der Wahrheit so vertraut ist, so wollen wir
„ uns ehrfurchtsvoll vor ihm beugeij und uns seinen
„ Unterricht ausbitten ; aber-! )— Kein Schulbuch?
„Nein. Denn die Schule sondert, denkt nur,
„ und bleibt immer im strengen Geleise : (was beide
„letztere Charaktere sagen wollen, kannRec.nicht
„ begreifen.)Vernunftlehre aber vereint, nimmt auch
„Empfindungen mit, und greist überall aus. (d. i.
„mischt mehreres mit ein, als blosse Logik.) —■
„Wem Religion, Ossenbarung ein Dorn im Auge
„ist; dem möchte so manche Stelle seine Laune
„verderben“— (daran zweifelt Rec. sehr; er
hat in dem ganzen Werke keine Stelle gefunden,
die den Ungläubigen beunruhigen dürfte. )
Nun zum Werke selbst. Der Vers. bemerkt am
Eingänge, dass die gewöhnliche Logik nur für
den reinen Verstand sey, und dass sie oft bey den
allerwichtigsten Untersuchungen weiter zu nichts
diene, als neue Ausssüchte, wider die verhasste
Wahrheit ausfindig zu machen, und den unge-
rechtesten Wünschen die Miene des Erlaubten zu
geben ; daher hat er sich gefragt, ob nicht eine
Logik für die ganze Mcnfchenfecle möglich sey;
eine Logik sür Menschen, wie fie find, und nicht,
wie sie seyn süllten, ohne eine eigenmächtige Den*
kerin ohne Beruf zu machen. — (Diele Stelle
bedarf keinen Commentar.) S· 238. im I. B. sagt
der Vers. „ Der Verstand untersucht nie mit Ab-
,, sicht, ohne den Austrag dazu von dem Herzen
„erhalten zu haben. — — Weil also die Ver-
„ nunft keine reine, abgeschiedene, unabhängige
„ Kraft ist ; so süll auch die Vernunstlehre für kei-
„ ne reine, abgeschiedene, unabhängige Vernunft
„arbeiten.“ (Für eine praktische Logik lehr
gut; — die Theorie kann aber doch abgeschieden
werden. Die Wissenschaften würden in Verwir-
rung gerathen, wenn sie zu sehr über ihre eignen
Gränzen gingen.) — Nach diesem Plane hat
D. Sailer diese seine Vernunftlehre geschrieben.
Sie zerfällt in vier Hauptstücke. 1. IWelche find
die reinen Erkenntniß quellen? greine und unreine;
Ppp nicht
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