Allgemeine Literaturzeitung: Supplemente zur allgemeinen Literatur-Zeitung — 1785 (1787)

Page: 249
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/allgemeine_literaturzeitung_suppl1785/0265
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Supplemente

zur

A
L
L
G
E
Μ E
I N
E N
r τ τ κ
JU JL Λ Λ-t
ΊΓδ
A.
T
JL
u
R -
V ΠΠ
O Q

u
N
G
vom
Ja
h r e 1
7 8

Numero 63,

GOTTESGELAHRTHEIT.
IpköNiGSBERG, bey Hartung: Bin ich ein Chriß?—
Die Eigenschaften wahrer Diener Gottes, die
seelig werden wollen, in neun Betrachtungen zur
Selbstpriifung vorgestellt. 1785. 227 S. 8·
Der Verf., welcher sich am Schlusse der Zu-
schrift Johann Chrißian Riedel nennt, (ohne Zwei-
fel eben derjenige , von welchem wir auch schon
verschiedene Predigten haben, ) zweifelt zwar l’elbst,
dass man aus der gegenwärtigen Schrift etwas
neues lernen werde; inzwischen hält er Seine Ar-
beit doch nicht für unnütz. Beides mögen wir
ihm nicht Streitig machen. Er will, wie er in der
Vorerinnerung Sagt, kein Lehrgebäude aufstellen,
Sondern bloss Sein Herz reden lassen, (nur Spricht
hier und da die hyperorthodoxe Dogmatik auch ein
W ort mit darein,) und er hofft Seinen JVlitchristen
dadurch, daSs Sie Seinen Empfindungen und Geber-
zeugungen nachdenken , Gelegenheit zu geben , in
ihr eignes Herz zu blicken. Den Anfang macht
eine allgemeine Einleitung, die aber So gut , wie
der Beschluss, grösstentheils nur entbehrliche Wie-
derholungen in Sich fasst. Neun Betrachtungen lie-
hen in der Mitte, und haben folgende Ueberschrif-
ten: Glaube; Früchte des Glaubens; mündliches
Bekenntniss des Glaubens; Christenleiden; wie wer-
de ich ein wahrer Christ? Unvollkommenheiten
des Christen in diesem Leben; Geringschätzung des
Irrdischen; rechter Christensinn; herrlicher Lohn
des Chrillenthums in jener Welt. Vorne Steht je-
desmal eine passende Schriststelle, in den Betrach-
tungen Selbst sind zuweilen Gebete und Verse ein-
gewebt, auch durch die Einschaltung biblischer
Beyspiele iil für Abwechselung geSorgt. ·— Ob
man gleich in dem Werkchen weder vollständige
Abhandlungen, noch einige wichtige Auffchlulse
und tiese Untersuchungen antrifft; So wird es doch
derjenige, welchem es zu ernstlichen Selbstprüsun-
gen an einem Leitsaden mangelt, allerdings zu die-
ser Absicht nutzen können. Hätte es dem Verf.
gesallen, seine Gedanken Schärser zu prüfen und
besser zu läutern, das Ganzwahre vom Halbwah-
. reu richtiger zu unterscheiden, die ächten und un-
ächten Kennzeichen des Chrillenthums ausführli-
Λ, L. Z. 1785. Supplement band.

eher und genauer auseinander zu setzen, seine Be-
weise mit Strengerer Sorgfalt zu wählen, und den.
dunkeln Ausdrücken (nach dem eriten Gesetze ei-
nes deutlichen religiosen Vortrags) das ersorderli-
che Licht auszustecken, hätte er überhaupt meh-
rere Behutsamkeit angewendet. Schicklich genug
und mit gehöriger Präcision zu Sprechen; So wür-
de die Brauchbarket dieses kleinen Buches Sicherer
und von weit grösserem Umfange seyn. Auch
Sollte er in dem praktischen Theile der xAbhandlun-
gen und bey der eigentlichen Selbstpriifung Sich
mehr in das Detail gewagt, mehr auf die Frage,
die auf dem Titel lieht, Rücksicht genommen, als
die Leser mit seinen guten Entschliessungen unter-
halten haben. Ost vermisst man bey einer Behaup-
tung die nöthigen Einschränkungen, auf die man
nachher in einem andern Abschnitte ganz unerwar-
tet stösst; und nicht seiten Scheint Sich Hr. R. selbst
zu widersprechen. So Sehr auch Rec. des Verfaß’.
Wärme für thätiges Christenthum und die Güte sei-
ner Absichten ehit; so möchte er dennoch fragen:
Wozu dienen doch die Uebertreibungen, wenn S.
197. die Glieder Jesu (Christen) Thränen/?röw<3
weinten , und S. 144 der Leib Jesu für uns zermal-
met würde? Woher mag es auch wohl Hr. R. (S.
36) wißen, dass die Aussätzigen Luc. 17 sich die
Kankheit durch ihre Sünden zugezogen hatten ?
Warum wird S. 212 den Aposteln ( nach der bey-
gefügten Schriststelle) eine Sprache in den Mund
gelegt, die sie doch nicht redeten? Wenn S. 26.
die möglichße Redlichkeit , und S. 35. ein recht
ßarkes Vertrauen ohne Zweisel zum wahren Glau-
ben erfordert wird ; könnte da nicht manches ängst-
liche Gemlith vor diesen Superlativen Foderungen
zurückbeben ? Und wie viel ähnliche Fragen lielsen
sich thun , wenn wir Raum und Lust genug hätten!
Schade ist es, dass die Lehre vorder christlichen
Besserung S. 177. und 120. nicht ordentlicher und
gründlicher vorgetragen ist ; und billig hätte S.
137 auch Sollen gezeigt werden, wie fruchtlos oft
alle Reue und Bemühung bleibt, die Folgen der
vorigen Versündigung 211 tilgen. Doch hat das
Werk auch wirklich Schöne und erbauliche Stellen
(z. B. S. 177 und 1S4 s.); und diess verdient Son-
derlich gerühmt zu werden, dass sich. der Verfass.
R r r bey
loading ...