Allgemeine Literaturzeitung: Supplemente zur allgemeinen Literatur-Zeitung — 1786/​1787 (1790)

Page: 99
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/allgemeine_literaturzeitung_suppl1786_1787/0056
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
SUPPLEMENTE

100

99

gewußt, ob er ihn in seine Uebersetzung eintra-
gen süllte. Unsre Leser erkennen wohl, dass sich
zu der Unwissenheit des Vers. hier auch etwas Un-
redlichkeit gesellet. Die Einfalt, mit der er mehrmals
behauptet, durch die Stimme der allgemeinen Chri-
stenheit fey es, nachdem fo viele taufend Abdrücke
der griech. N. T. und fo viele Bibeln in allen Spra-
chen vorhanden find, entfchieden, daß der Spruch
^fohanneifch und göttlich fey; oderauch die chrifl-
üche Kirche sey feit 1700 fahren im Befitz diefes
Hauptspruchs von dem größten Geheimniß des chrifi-
lichen Glaubens gewefen, und/? einfältiger der Chrisi
das große Geheimniß glaube, defto weniger werde er
sseh den herrlichen Spruch nehmen laßen— halt man
dem alten Mann zu gut ; aber dass er nicht nur
manches nicht weiss, was er, wenn er schreiben
■wollte, wißen musste, sondern auch historische
Nachrichten zu seinem Vortheil verfälscht, oder
verschweigt , und dass er dabey mit so vielem
Geifer -wider die sogenannten Feinde diefes großen
Spruchs ausfährt, fie der Partheylichkeit und des
Hasses wider die ächte Schristlehre beschuldiget, u.
s. w. das ift, um das gelinderte zu sagen, nicht
fein.
Wir sinden nicht nöthig, die Gespräche weiter
zu verfolgen. Man kennt den Geist des Vf. schon
aus seiner Theodice der göttl. Offenbarung. Aber
freylich ist in den Gesprächen der polemische Ton,
der Hochmuth und Eifer, in weichem sich der Vs.
redend ausführt, im hohen Grade unleidlicher, als
dort. Und was den Werth der hier abgehandelten
Sachen betrifft, so wird es hinlänglich seyn, wenn
wir unsere Leser durch Ansührung einiger Aussprü-
che des Verf. wie sie uns beym Durchblättern der
Vorrede in die Augen fallen , selbst in den Stand
setzen zu urtheilen, was sie hier zu erwarten ha-
ben. ,, Luthers kleiner Katechismus ist durchaus
unverbesserlich;“ er würde ihn auch, wenn er zu
unsern Zeiten lebte, nicht anders einrichten; dies
Buch ist das rechte Bollwerk gegen alle Neuerer
in der alten Theologie, „welche nichts anders sind,
als leichtsinnige Wollüstlinge und zügeilose Frevler,
die sich nur mit Federn aus Socins oder des alten
Fhotius (Photinus) Schristen ausschmücken. Die
'Orthodoxie ist so alt, wie — Gott, ob sie gleich
■erst mit dem Evangelium von des Weibes Saame
geossenbaret worden. Naturreligion schickt sich
in kein Lehrbuch für die Jugend, weil — Chri-
stenkinder ja keine Heiden find , und weil man die
Taufgnade nicht verwahrlosen muss. Ein tugend-
hafter Heide ist ein Unding. Es ift eitel verlorne
und vergebliche Mühe, 'dass man den Glauben ins
Herz zu räsonniren sucht; die Vernunft ist zu sehr
wider den Glauben. Die hohe geheimnissvölle
Lehre von Dreyeinigkeit schicket sich vornehmlich
zu den ersten Kinderlehren, weil — sie so fasslich
jst. “ —- So sehr es auch hier und bey so vielen
andern ungereimten und unverständigen Aeufse-
rungen des Vers. gerecht sebeinen seilte, die Geis-
sel "der Kritik zü gebrauchen. so wollen wir

ihn doch lieber dem Mitleiden unserer Leser em-
pfehlen.
Leipzig, bey Crusius : Theorie des IKeges der
Glückfeligkeit, nach biblifchen Grundfcitzen.
Zwo Abhandlungen, wider einige besördere Her-
derbnijse unferer Zeit. 1785. 122 S. 8. (6 gr.)
Das dem Buche vorgehängte Schild verspricht
zu viel. Man findet nichts weiter darinn, als I. et-
was über den sittlichen Charakter der neuepikuri-
schen Schristen, und II. vom einzigen und rechten
Wege zur Tugend. Bey dem ersten Punkte er-
klärt der Verf. zuerst den Ursprung Epikurischer
Gesinnungen Menschen und Schristen. Er hebt da-
bey vom — göttlichen Ebenbilde und kläglichen
Sündensall an, durch welchen „der Mehfch dem
Teufel ähnlich geworden iß ; wider welchen aber
Gott eine gründliche Hülfe veranfialtet hat ; denn
die heil. Schrist fpricht: Gott rief den Men-
fchen. Und wenn Gott fpricht, fo ifi fein Wort
lUefen; denn er kann nichts anders aussprechen, als
fein IHefen', daher fügt Johannes: Gott war das
VZort- ffa, Gott ifi lauter IZort, oder thätige und
kräftige Offenbarung gegen feine Gefchöpfe. Die-
fes felbfisitindige IHort, welches der Schlange ein Gift
und den Äseiifchen eine Arzney war, iß, fo bald cs
Gott im Paradiefe sprach, mit dem IKefen des erfien
Menfchen gleichfam wieder zufammengeßchmolzen,
welches der Ansang der Menfchwerdung Gottes > un-
fers Erlöfers war , ohne welche wir Menfchen ewig
der Seele nach , dem Teufel ähnlich geblieben feyn
würden. “ — V eich ein Philosoph und Schrifter-
klärer 1 Und wo will das hinaus , um den Ur-
sprung des Epicureilmus zu erklären ? Das mag,
wer Lust hat , bey diesem speculativen Fanatiker
selbst nachlesen ; er wird uns danken, dass wir ihn
auf die Spur gebracht haben. Der Vers. unter-
sucht zweytens : JHarum finden Epikurifche Schris-
ten fo großen Eingang? Nicht schwer zu sagen;
einige Menschen, aber die wenigsten, find göttlich,
das ist, laßen sich von dem in ihnen sieischgewor-
denen , oder eingesseischten Worte und Gott regie-
ren; andere sind teuflifch', die meisten aber natür-
lich. Diesen kommt, bey ihrem schalkhaften Wil-
len, der Epikurer gerade recht. Unter Epikuri-
schen Schriften verlieht der Verf. Romane, Roman-
zen, Balladen, IHein-und Liebesgedichte, fcherzh.af.
te, launigte und fchnurrige Blätter. —■ Und drit-
tens fragt er dann: IHas thun diefe Schriften für
IHirkungen ? und antwortet : ganz entsetzlichen;
sie können den Menschen fo wunderbar böfe ma-
chen, daß eine ganze Welt voll unßerblicher Geißer
und deren ewiges Heil oder Unheil zum Opfer für fei-
nen Ehrgeitz und feine Lüße nicht hinreichen würde.
Der einzige und rechte Weg zur Tugend ist
dem Verf. der Glaube', und der altergemeinste V eg
von der reinen Lehre zur Irrlehre, ist es, ihm zu-
solge, immer gewefen , dass man den Glauben ver-
laßen, und aus die JKerke, welche nur Früchte
und
loading ...