Allgemeine Literaturzeitung: Supplemente zur allgemeinen Literatur-Zeitung — 1786/​1787

Page: 119
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/allgemeine_literaturzeitung_suppl1786_1787/0066
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
119
ben. Es fehlt nicht an Funken des Genies; aber durch'*
geführt ist nichts. Die fantastischen Charaktere des
Blafius, des la Fen und der Lady Katharine figu-
riren doch nur in langu'eiligen Scenen, wie z. B. S.
(wo Wild mit Rechtsagt; hier halts der Satan
aus!) S. 309. 319. 32g. etc. Der Zug mit dem al-
ten Lord, der nun mit Kartenhäuser - Bauen üch
die Zeit vertreibt, soll Zug aus der Natur seyn. (S.
273-) Aber wie kann er Wahr seyn, da es ja so eben
Krieg, mithin Befchäftigung sür Lord Berkley giebt ?
Die Schilderung vom Kapitain so wohl, als von
TKild, (den Haupthelden des Stücks) gehn weit
über eine/WirtG/rm. hinaus , jenseits welcher nichts
mehr gut und schön bleibt. — Soll das vielleicht
Krast - Aeusserung seyn, wenn Wild S. 270 lagt:
„Es ist mir wieder so taub vorm Sinn. So gar dumpf.
„Ich und mich über eine Trommel Spannen lajfen,um
„eine neue Ausdehnung zu kriegen. Mir ist so weh
„wieder. 0 könnte ich in dem Raum diefer Pißole
„exiftiren, bis mich eine Hand in die Lust knallte.
„0 Unbestimmtheit, wie weit, wie fchies siihrst du
„den Menschen ! “ — Ja wohl, wie weit, und wie
schief! — Um den Charakter des Mohrenknaben,
und um manche einzelne glückliche Stelle ist es
Schade, dass sie hier so verloren, und so unnütz
stehen.
Noch reicher an hohen Gedanken, blendenden
Lichtstralen, und ost ganzen vortressichen Scenen
ist die neue Arria. AberHr. Kl. sagt mitRechtvon
ihr in seiner Zuschrist an Kupfern : ,,A11 die hier
,,austretende Menschen stehen zu hoch, zu abgeris-
„sen, zu weit ab von dem uns durch Umstäude und
„Lage der Dinge angewiesnen Gang.“ Nie hat die
Verschwendung eines jugendlichen Genies sich deut-
licher abkonterfeyt , als hier. Wir haben ganze
Trauerspiele auf unsrer Bühne, noch dazuTrauer-
spiele, die nicht missallen, und sie wiegen eine ein-
zige solche Scene, wie die zwilchen Solinen und
Drello (S. 219.) nicht auf; wir haben manche bo-
genlange Declamationen , ssiessend und gut; und
der Rec. gäbe sie gern für die acht gräslich - edlen
Worte (S. 196.) ,, Amant e, ich habe mich um meine
„Augen gemcK.lt!hin. Aber bey allen diesem Ge-
fühle von Hr. Kl. wahren poetischen Werth können
wir solche Auftritte, wie der S. 1 So. 242. u. 2/(7. ist
nicht anders a s unnatürlich, Charaktere, wie die von
Solinen , der Herzogin, und Julio sind , nicht anders
als überspannt, die Fabel des Ganzen nicht anders, als
überladen, und den Dialog nicht anders, als äusserst
gezwungen erfinden- — So wie es Gemälde giebt,
bey welchen man ausrufen muss: Vortressich, nur
schade, dass sie maniCrirt sind! so rufen wir auch
hier : Eine krastvolle Schilderung, nur schade, dass
sie idealisch ist 1

120
_ Bis zu Letzt haben wir uns das Erste Stück dieses
Theils, den Schwur, verspart, weil es das Einzige, vor-
her noch Ungedruckte, und eine von Hn. Kl. neue-
sten Arbeiten war. Der Gedanke, der dabey zum
Grunde liegt, ist ungemein glücklich.— Eingewis-
ser Gras von Blumin, von Weibern oft getäuscht, hat
aus Wunsch, sich, so viel er kann, am andern Ge-
schlecht zu rächen, seinen Sohn einen feyerlichen
Eyd thun laßen , nie ein Frauenzimmer zu ehlichen,
wohl aber deren so viel als immer möglich zu verfüh-
ren und zu betrügen. Dass ein junger Wollüstling
von Figur, Witz, Geld und Muth unterstützt, gern
eine Zeitlang diesem Eyde nachkömmt , lässt sich
leicht erachten. Aber endlich kömmt er an eine junge
Witwe von den seltensten Reitzen , die ihn, und er sie
wieder wirklich liebgewinnt. Um ihn noch mehr zu
erschiittern, giebt sie, die insgeheim von seinem Ei-
de gehört hat, vor: dass auch sie ein gleicher Schwur
binde; denn am Todbette ihres ersten Mannes habe
sie sich nie wieder zuheirathen verpssichtet. Jetzt wird
des Grafen Eitelkeit doppelt angefeuert; sein Vater,
der von dem Wanken des Sohns hört, kömmt seibst
in die Stadt, zeigt ihm die Bilder seiner .Ahnen, und
beweisst ihn, dass alle durch Weiber getäuscht wor-
den waren. Auch dies wirkt nicht. Vortressich alles
bis hieher ! Aber auch nur bishieher. Denn nun
zerhaut der Dichter den geschürzten Knoten auf eine
Art, die noch unbefriedigender ist, als die Entwick-
lung bey Mn falfchen Spielern war. Der Vater seibst
entschliesst sich, wie er sagt, den Curtius zu spie-
len, und um die Witwe zu werben. Die Witwe
stellt den jungen Grafen auf eine sonderbare Probe,
indem sie ihn sragt : Ob er lieber in ihr eine eigne
Gattin, oder nur eine Freundin, die aber dann ei-
nen unbrauchbaren Gemahl nebenbey habe, besi-
tzen wolle? Er wählt das Letztere, und sie erklärt
sich nuu für seine künftige Stiefmutter. Vergebens
lässt er dagegen eine Feder springen,die im Stücke
seibst (S. 102.) eine erbärmliche Feder genennt. Sie
giebt dem alten Grafen ihre Hand, weiss es aber da-
bey so zu karten, dass er einen liebenswürdigen,
fünfzehnjährigen Jüngling,Mariano, mit Namen, der
tressich mahlt und singt, und —- von Liebe schwatzt,
in seine Dienste nehmen muss. Wozu das, ist nicht
schwer zu errathen. — Dies ist die Intrigue des Lust-
spiels, dieHr. Kl. seibst S. 116 für durchgeführt
erkennt, uns aber dafür Gründe angiebt, mir denen
es ihm unmöglich ein Ernst gewensen seyn kann,
indem er sagt: er habe deutfehe Sitten und Fehler
schildern wollen. — Wir haben unsern Lesern bey
allen vorigen fünf Stücken so aufrichtig unser
Urtheil getagt, dass wir glauben, wir können ih-
nen mit guten Gewißen nun einmal seibst das Ver-
gnügen zu urtheilen überlaßen.

SUPPLEMENTE ZUR A. L. Z. 1736.
loading ...