Allgemeine Literaturzeitung: Supplemente zur allgemeinen Literatur-Zeitung — 1786/​1787

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ZUR A L. Z. 17M.
eine Rede pro literis, mit einer andern de bello
saciendo zu vermengen, es sey denn, dass man,
wie Baudius, ad ßüdiosos ob caedem commilit onis
tumultuantes zu reden habe. Was dabey heraus-
kommen muss, ist wohl nichts anders als ein Zwit-
terding, welches wegen dem unrednerischen Stofs
keine Rede , und wegen der redngrischen Behand-
lung keine Dilsertation helsen kann. — Von die-
sem beynahe allgemeinen Uebel der akademischen
Redner in lateinischer Sprache lind auch die ange-
zeigten Reden nicht frey : wiewohl sie bereits die
vierte Aussage in Deutl’chland erlebt haben. (S.
Vorrede S. XIX. £.) Wen ein reiner, gewählter
Ausdruck, und eine leichte, äusserst sanftssiessende,
wphlklingendePröse, die lieh ohne dengeringstenAn-
stoss und mit einer Deutlichkeit sortliest, bey welcher
alle einzelnen Glieder und Sätze der längsten Periode
im beließen Lichte da liegen, — wen dies allein schon
vergnügen kann, der wird hier seine Rechnung
lieber finden. Rec. gesseht ausrichtig mehrere die-
ser Reden in dieier Rücklicht, selbst mit Vergnü-
gen, und zum Theile auch mit Bewundrung gele-
sen zu haben; und glaubt sie daher auch jedem,
der im Lateinsehreiben einen vorzüglichen Grad zu
erreichen wünseht, als ein gutes Hiilfsmittel zu ab-
wechselnder Lektur empsehlen zu dürfen. Allein
wer darinn, den rechten lebendigen Geist der Alten
zu sinden hotte , der würde lieh vergebens müde
sliehen, Und was selbst den Stoff betritt, sb wür-
den wir niemand rathen, auf die blossen Ausschrif-
ten mancher Reden allzuviel zu bauen. So ließe
si.ch z. B. de fiudio poetarum ad Literas et eloquen-
tiam necejfario schon etwas nützliches und brauch-
bares sagen, wovon hier das wenigste, hingegen
manches zu finden ist, worüber man sseh verwun-
dern möchte. Unter andern liest man folgendes
von dem Nutzen, welchen Cicero aus dem Lesen
der Dichter geschöpft haben soll. „Quid postre-
„mo verba illa, partim a Comicjs, partim aTragicis
,,scriptoribus accepta, quibus ad ejusmodipersonas
,,vivis eloquentiae coloribus exprimendas uticur;
„Nnnc enim demum mihi animus ardet, mznr meum
„cor cumulatur ira. 0 ipfelix, o fceleße? Egone
„quid dicam ? Egone quid velim? Quae tu omnia.
„tuis foedis factis facis, u.t nequiequam velinr, atque Mia
„multa ex'Caecilio poeta usurpata, quae, quan-
,,tum ornamenti et leporis orationi Caecilianae (Coe-
,,1-ianae) conferant, paucis explicari non potest. Et
„quod magis (majus)est, po.eticis hujusmodi figu-
„ris et salibus respersa oratio tantum apud judices
„v-aluit, u.t, impudentissimae feminae moribus ad
„unguem expreisis, omnem veneni suspicionem a
,,M. Coelio amoli.retur, atque illüm judicio pericu-
„loque liberaler, “ •— Eine andre Rede verheilst-
de expedita. difeendi ratione zu handeln , und das
ganze Geheimniss läuft auf folgende zwey in der
That ganz einfache Dinge heraus ™ amor et dili-
gentia.

413 SUPPLEMENTE
lieh sey. ) XV, 6. Unter dem Gewerb des Ungerech-
ten iß etwas zerßörendes. XIX, 17. JVer dem Dürs-
tigen wohl thut, leihts dem Herrn ; w m jenem
giebt, vergilt Gott. (Ist dem Originalgemässer als
die vorige Uebersetzung.) XIX, 27, Der Fauleßeckt
seine Hand unter die Schüfei. (Müsste dies nicht,
statt , helsen HHn. Doch es
scheint, der Hr. Verf. selbst sey mit dieser Verän-
derung nicht recht zufrieden: denn XXVI, 15,
wo der Text dieselbe Worte hat, helst es, wie in
der vori gen Ausgabe, der Träge verbirgt feine Hand
in der Schüjfel.) XXI, 4. Stolz, und, Vergnügen, und
das Licht der Ungerechten führen irre. (Diele Bedeu-
tung von wird durch die ähnliche Stelle
Ps. 101, 5 nicht sehr begünstigt.) XXVI, 7 wie
die Schenkel des Lahmen kraftlos ßnd. XXX, 19
ist statt „des Mannes Gang zu einer Jungsrau“ ge-
setzt: des Mannes Gang in der gsugend, und zur
Erklärung die Anmerkung beygefügt : Schnell ei-
len die Tage der Kindheit vorbey, und laßen im
Gedächtniss wenig Spuren zurücke. (Rec. ist der
Meynung, der unmittelbar folgende Vers mache
es n othwendig , dass die Spur einer
Mannsperfon seyn müße.) Die Stelle XXVI, 10
bleibt auch dieiesmal unübersetzt, weil Hr. D. D.
immer noch keine nur halbwahrscheinliche, oder
erträgliche Erklärung geben zu können glaubt.
XVII, 8 sseht durch einen Druckfehler, ein ver-
ßändiger Menfch, statt: ein unverständiger, und
VI, 27 fehlt das Wort, Feuer.
VERMISCHTE SCHRIFTEN.
Ulm , im Verlag v. Aug. Lebr. Stettin : Paulini
a S. Cjofepho etc. orationes XXIII. habitae in
archigymnasio Romanae sapientiae. Praefa-
tionem de ingenio oratorio addidit Qo. Petr.
Miderus, Gymn, Ulm. Rector etc. 1785. 202
g. g. mit 20 S. Vorrede.
Die neuern Latinisten, auch manche der bess-
ten nicht ausgenommen, sind wohl nie fader, als
wenn sie auftreten , um einen wißenschaftlichen
Gegenstand mit allen Farben der Beredsamkeit aus-
zuschmücken , und ein gelehrtes Problem , wie ei-
ne Rechtssache oder eine Staatsangelegenheit, zu
behandeln. Statt den Verstand zu überzeugen, re-
den sie oft ans Herz; beweisen, wo man Gründe
erwartet, durch Aussprüche des Alterthums, und
durch das Ansehn berühmter Namen, wie duicli
gerichtliche Zeugniße, was sie wollen ; tummeln
lieh gewöhnlich auf einem Gemeinplatz hei um,
und auch dann« wann ihre Wahl glücklicher scheint,
kriechen sie, weil Beredsamkeit doch populär seyn
muss, immer und immer über die Schale hin. Ein
höchst seltsamer Irrthum , akademische Beredsam-
keit, wenn es jo eine giebt, mit gerichtlicher Be-
redlamkeit« den Lehrstuhl mit den Rojtns, und
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