Allgemeine Literaturzeitung: Supplemente zur allgemeinen Literatur-Zeitung — 1786/​1787

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W* SUPPLEMENTE
auch unter andern der Hr. G. R. und Kanzler von Sel-
chow berichtigt wird. Dieser erzählt es in seinem
Grundriße einer pragmat. Gesch. des Kauses Braun-
schweig §. 117, als eine ausgemachte Thatsacke, dass
der römische König Heinrich bey seinem Einfalle in
das Braunschweigische einige Dienstleute des Her-
zogs, z. B. die Herren von Wenden, Wolsenbiittel u.
a. angestiftet, sich dem Otto entgegenzusetzen, nach-
dem er mit osfenbarer Gewalt nichts habe ausrichten
können, und dass der Bischof Conrad von Hildes-
heim diese Edelleute unterstiitzt habe. Dabey wird
die Sache so erzählt, als wäre sie erst nach der Entlas-
sung des Herzogs Octo aus seiner Gefangenriehmuno
geschehen. Aber das erste ist bloss Muthmast^ng^
Wahrscheinlicher wäre es anzunehmen, dass Heinrich
vor seinem Feldzuge die Dienstleute aufgewieuelt;
ganz unwahrscheinlich aber, dass der BischofHe un-
terstiitzt. Das dritte ist gerade wider die Reimchronik
c. 64 heym Leibnitz T. 3 pag. 133. Auch das ist ganz
unerweisslich, dass Otto lieh während der Belagerung
Braunschweigs um die Brandenburgische Prinzessin
Mathilde beworben. (Möglich und wahrscheinlich ist
es aber doch , denn in den Orig. Guelphicis steht,
dass er sich gegen das Ende des Jahrs 122g wirklich
vermählt hat.) Bey der Erneuerung der Herzogli-
chen Würde hat man schon längst die Frage ausge-
worfen, ob Otto vorher ein wirklicherFürst oder ein
blosser Dynaste gewesen ? Das erste kann nicht wohl
geleugnet werden. Er selbst nannte sich auch vor
der Belehnung bald Herzog von Lüneburg , bald
Herzog von Braunschweig, bald Herzog zu Lüne-
burg und Braunschweig, und eben diesen Titel
bekam er auch von andern Fürsten. Wenn aber
Scheidt und Selchow meynen, dass es nur im ei-
gentlichen Verstande eine Erneuerung des Ostphali-
schen Herzogthums Sachsen gewesen, ohne dass er,
oder seine Nachkommen ihr Recht als Herzoge von
Sachsen ausgegeben: so mussRec. mit dem Hn. Vrf.
bekennen , dass er dies nicht verliehe. Selbst als Her-
zoge vom Ostphalischen Sachsen wurde Otto und sei-
ne Nachkommen vom Kaiser und Reiche nicht er-
kannt , wie die fruchtlosen Verbuche , Hildesheim
wieder unter seine Bothmässigkeit zu bringen, be-
weisen. Hinlänglich ist es ja, dass durch diese Be-
lehnung Otto und seine Nachkommen 1) vom Kai-
ser und Reiche für Herzoge erkannt, 3) dass eben
dadurch die anmassliche Gewalt der Herzoge von
Sachsen über die Herzoge v.Br.ausgehört,wie Scheidt
sehr richtig bemerkt. 3 ) dass der Braunschweigi-
sche Adel nun nicht mehr schwürig seyn konnte,
einem Fürsten unterwürfig zu seyn, dessen Rang
selbst vom Kaiser noch stretig gemacht wurde. Da-
mit sie auch keinem Edelmanne im Range nachge-
setzt würden, so wurde die Dienstmannschaft des Her-
zogs zu dem Range von Reichsministerialschast erho-
ben. Uebrigens müöen wir doch geliehen, dass man-
che kritische Anmerkung etwas gebucht, auch verwi-
nkelter vorgetragen zu seyn scheint, als es nöthig

ZUR AL. Z. 1786.
war; z. B. S,. 25 die Frage', ob K. Friedrich II sei-
ne Ansprüche auf des Pfalzgrafen Heinrich hinter-
lastene Besitzungen in Braunschweig und Sachsen
bloss auf das von dessen beiden Töchtern ihm ab-
getretenes Erbrecht ( es war nur die einzige Mark-
gräfin Irmengard von Baden, die ihr angemasstes
Erbrecht ihm verkaufte,) oder darauf gegründet,
dass diese Länder dem Reiche anheim gefallen. Dass
letzteres aus der Urkunde in Orig. Guelph. T. 3 p.
701 nicht gefolgert werden könne, ist für sich klar.
Ueberhaupt war die Antwort des Hn. Vers. warum
Otto des Kaders Bestätigung der Schenkung zuge-
lassen, schon sür sich hinreichend, und bedurste es
aller vorigen Weitläufigkeiten nicht. Noch mus-
sen wir den Verf. bitten, künftig sich belser in
Acht zu nehmen, dass nicht übereilte Ausdrücke,
oder zu Harke Ellipsen ihm entwischen. Ein Eey-
spiel dieser Art gleich auf der ersten Seite mag
statt mehrerer, die man leicht aussuchen könnte,
hinreichend seyn. „Heinrichs des Löwen Vater,
heisst es gleich im aten Satze, waren zwar beide
Herzogthiimer, Sachsen und Baiern abgesprochen,
und das erste wirklich geraubt , allein der Ver-
zicht, den der junge Heinrich durch die Vermit-
telung seiner an den neuen Herzog Heinrich von
Oesterreich vermählten Mutter aus Baiern that ,
verschafte ihm bald wieder den ruhigen Besitz sei-
nes Herzogthums.“ Hätte der Verf. gesagt , dass
Herzog Heinrich der Stolze Conrad den Ulten nicht
für einen rechtmässigen Kaiser erkennen wollte,
und weil er die Unterhandlungen wegen der vom
Lothar ihm ertheilten Reichslehen aus drey Reichs-
tagen abgebrochen und verworfen, — auf dem
Reichstage zu Würzburg geächtet worden , dass
der Kaiser erst auf dem Hoftage zu Gosslar das
Herzogthum Sachsen an Markgraf Albrecht den
Bären, und das £fahr daraus das Herzogth. Baiern
seinem Bruder Leopold von Oesterreich gegeben,
so würde er, wenn er ähnliche Vorfälle in der
Reichsgeschichte bedacht, statt des unschicklichen
Ausdrucks rauben einen belsern gewählt haben.
Hätte er nun noch die paar Worte hinzugesetzt,
dass Heinrich der Stolze so wohl, als sein Sohn
Heinrich der Löwe sich in Sachsen behauptet, und
letzterer, als er im Begriffe gewesen, seine Rechte
auf Baiern auszuführen, durch die Vermählung
seiner Mutter mit Heinrich von Oesterreich bewo-
gen worden, letztes diesem abzutreten , worauf
ihn Conrad wieder als Herzog von Saehsen er-
kannt: so würde durch die wenigen Zeilen, alks-
deutlich geworden seyn. Eben dergleichen Er-
gänzungen wären auch in der folgenden Geschich-
te Heinrichs des Löwen und seiner Söhne nöthig
gewesen.
Am Ende steht noch das Diplomatarium des
Herzogs Otto I von Braunschweig und Lüneburg
und ein Verzeichniss der in dieser Gescichte be-
nuzten altern Schriststeller.
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