Allgemeine Literaturzeitung: Supplemente zur allgemeinen Literatur-Zeitung — 1786/​1787

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es. dem Publikum zu seiner Erbauung mit Grunde
empfehlen, und von diesen angezeigten Mangeln
sind die vier genannten Gebetbücher nicht frey;
Ja wenn auch das eine in Ablicht der Schreibart
vor dem andern Vorzüge hat, so verliert es doch
wieder durch die Behandlung der Sachen. No. i
hat uns noch am bellen gefallen. Die voranste-
hende Auweisung, wie ein Christ mit eigenen Wor-
ten beten solJ, ist ganz gut und verdient erwogen
und befolgt zu werden. ' Die Sprache ist ziemlich
simpel und der Ton nähert sich demjenigen, der
eigentlich in den Gesprächen mit Gott herrschen
rnuss; ob er wohl auch zuweilen ins Decla'matori-
iche übergeht. Auch geschiehet in denseiben der
praktischen Ausübung des Christenthums sseissig
Erwähnung. Aber es gesällt uns hiebey nicht, dass
fall alle Beter so reden müllen, als wenn He lieh
poch täglich vieler und grosser Vergehungen ichul-
dig machten, und mehr Neigung zum Bösen als
Guten bey sich verspürten, und dennoch sogleich
in eben der Unterredung das Verdiensi Chrilli mit
aller Zuversicht ergreifen. Man sehe z. E. den
Abendfigen amlEicußage in dieser Sammlung. Aehn-
liche Erinnerungen könnten wir leicht bey den
■Beicht - und Communion Betrachtungen > auch bey
den Gebeten sür Kranke und Sterbende, machen.
Die biUifclu’n Beyspiele, welche am Ende zur Er-
bauung solcher Personen beygesiigt sind, hat der
Wers, auch nicht immer sorgiältig genug gewählt
und richtig genug angewandt. In No. 2 llösst
inan zwar auf einzelne herzerhebende Stellen, aber
das Ganze ist mit zu vielem Schmuck und mit sehl-
übertriebene^ dpgmatischen Vorstellungen unge-
füllt. So hejsst es S. 71; „Wie hätte jemals
9,in eines Menschen Herzen der Gedanke auf-
„steigen können, den Gott des Himmels und derEr-
9,de zu empsangen, wärest du nicht selbst der Stif-

4S
„ter dieses göttlichen Geheimnisses, und hattesl du
„deine Bekenner nicht so ausdrücklich dazu einge-
,,laden.“ — Wo ist denn dies geschehen? Und wo
hat Christus so etwas zugesagt ’? Ferner S. 74
„Eingeborner des himmlischen Vaters ! der du
„jetzt als wahrer Gott undMensch in mir gerenu'är-
„tig biß etc. — Noch vor kurzem war ich meiner
,,Slinden wegen ein Gräuel in den Augen des Him-
„mels etc. Das ist nicht biblisch gesprochen, und
nicht vernünftig gedacht. Hr. Georgi, der Verf.
von No. 3» muss eine ganz besondere Idee von
der Rechtfertigung und Heiligung des Menschen
haben. Denn in der Vorrede . lägt er, ausdrück-
lich , dass diese Gebete nicht/ü'r^chere und beharr-
liche S'üi.’dcr versertiget habe, sondern für solche,
die allen Eleiss anwenden, Gott in der Welt zu
dienen. Gleichwohl Eisst er diese Christen noch
wijsentliche Sünden begehn; sie müßen lieh vieler
bösen Thaten schuldig geben; ihr eigenes Gewis-
sen verurtheilt die unter vieler Herzensangst. Eben
fo in den Unterhaltungen der Kranken mit Gott.
Hier findet sich wenig oder nichts von dem ersten
und sichersten Kennzeichen des wahren Glaubens,
der Haltung der Gebote Jesu, oder der Ruhe des
Gewilsens, Ibndern seine Kranke zittern vor dem
Gedanken an den Richtersiuhl; und ihr einziger
Troll ist die Barmherzigkeit Gottesund die Zueig-*
nung des Verdienstes Christi. So kann dann frey-
iich der grosste Bosewicht lehr leicht getröstet wer-
den. Aber das ist nicht wahrer Troll für gebelser-
te und -recheschafsene Cheilten. Die Gcfpreiche in
No. 4. haben mehrentheils eher die Form eines
Selbstgesprächs als einer Unterredung mit Gott.
Einige derselben sind ziemlich gerathen; in andern
herrscht ossenbar zu viel Declamation und Kunst.
Alle aber konnten füglich entbehrt werden, da wir
weit hellere Andachtsbücher haben.

'SUPPLEMENTE ZUR A. L. Z. 1787.

N A C H R I C H T E N.

LITERARISCHE

Ki.eine ErBäuukcsschkiften. Leipzig , bey Cru-
sius; Predigten über die Erangeliftcn > erbten Bandes
dritter Hest , von HL p}. Seifig, Prediger zu Stollberg
bey’ Achen. 1780- 87 g.
Hrn. Rettigs Predigten sind eigentlich mehr Homilien
oder Volksreden als Predigten, Hr. R. liefert hier im
dritten Hest seiner Volksreden die Ute bis ijte, und
darinn richtige Erklärungen seiner durchgängig hiltorisehen
H exte. So zeigt er z. E. in der 11 teu Homilie über Luk.
ä, 67—79 sehr richtig und deutlich , dass die Worte, v. 67
und Zacharias ward de,: heil. Geistes voll und weissagte,
jiicht eine unmittelbare göttliche Eingebung, sondern nur
frohe > religiose Gemüthsbewegungen bezeichneten , die
die unenyartete U iederhers-cellung seiner Sprachwerkzeu-
ge in ihm erweckten ; dass v. 77 und Erkei.intniss des
-Heils gebest &i;iesa Volk, die da lii in Vergebung ihrer
Sünden^ den Gedanken enthalte; Du wirst sein Volk zur
He.sserung ja nd Frömmigkeit ansühren, und dann werden
sie von ihrem Elende betreyt und in einen glücklichen Zu-
itanö res-seizt. werden j und dass Zacharias überhaupt ganz
in deui G’2’-Ü der d-nialige.n Denkungsart der Juden gestin-
Sin macht er es auch in der taten Homile

über Luc. 2 v. 1—7 höchst wahrscheinlich, dass Jesus
wohl nicht so armselig und von allen Bedürfnilsen ent-
bleist, wie mau gewöhnlich glaubt und predigt, nicht in
eitlem Stalle oder Felsenhöhle, nicht im Winter, gebühren
sey, und dass in Ansehung des letztem das srtihe/te Al-
terthum wohl Recht haben dürste, wenn es den Geburts-
tagjesu auf den 20 May' setzt. Nur in der 141er. Betrach-
tung über Luc. 2 y. 8 — 14 kann Rec. die Erklärung des
I4ten Verses nicht unterschreiben, dass Friede so viel als
Anbetung Gottes bedeuten solle, Diese Erklärung ist ge-
zwungen und kann nicht durch Paralelstellen erhärtet wer^
den. Friede heisst in der hebräischen und griechischen
Sprache bey den Juden so viel als Glück und Wohlerge-
hen, und diese Bedeutung fchickt lieh auch recht gut in
den Zitsamnienhang, Die Anwendungen zur Erbauung
werden fast immer natürlich ui«d tressend aus der Textes-
wahrheit hergeleitet, Nur lind die Erklärungen immer
ungleich Jünger , als die Anwendungen. Dies scheint fast
31s wenn den Zuhörern ein üxegcticitm gelelen werden
.süllte, Uebrigens seilte Hr. R. seinem Vortrage weniger
Extension und seiner Sprache mehr Flusj; Herrlichkeit
pnd Andringlichkeit geben.
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