Allgemeine Literaturzeitung: Supplemente zur allgemeinen Literatur-Zeitung — 1786/​1787

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gebracht: d. h, hatte er die Lehren und Nutzan-
wendungen mit den Erläuterungen über die Reden
der Freunde und Feinde Jesu unmittelbar verbun-
den, u. an selbige angereihet: so hätte es auf der
einen Seite der steisen und schwerfälligen Haupt-
sätze nicht bedurft: „Ein Wert der schändlichssen
Untreue, aus dem Mund eines Apossels der zum
Verräther wurde Ein Wort des ungläubigen
Leichtsinnes > welcher auch die theuresten Wahr-
heiten nicht achter/' u. s. w. , die im Grunde nur
aus den ersten, nicht aber aus den zweyten Theil
der Abhandlungen passen: auf der andern Seite
würde im zweyten Theil nicht öfters wiederhohlt
worden seyn, was schon im ersten gesagt war:
so wie überhaupt der ganze Vortrag einen viel
freyern, leichtern und ungezwungenen Gang ge-
wonnen haben würde. Uebrigens ist der Vortrag
des Herrn G in Ganzen betrachtet gründlich, u.
nur in wenigen Stellen deklamatorisch; Auch fehlt-
es der Sprache nicht an einer gewißen Simplicität,
ob wir gleich glauben , dass manche Ausdrucke,
die nach dem System schmecken: die satanischen
Vorftellungen und Wirkungen, von guten Gesin»
nungen u- Entschliessungen, die wir nicht ansehen
sollen, als eine Sache, die durch unsre Kräfte aus-
gerichtet werden können u. s w.,-- dem gemeinen
Mann entweder unverssändlich sind, oder leicht
von selbigem misgedeute-t werden können. Auch
scheint Hr. G grosser Freund der prophetischen
Theologie zu seyn, er wähnt, dass man bey
Zach. 13 7. nichts denken könne, wenn die Stelle
nicht auf Christum gedeutet würde! 1 Als Anhang
sind noch Predigten aus den Neujahrstag, auss Fell
der Darstellung Christi, am Sonntag Palmarum hin-
zugekommen. Bey N 2. hatHr K- lieh den Zweck
vorgesetzt. Kranke und Leidende zu unterrichten
und zu trössen in einer Sprache, die den Mann von
Geschmack nicht beleidigen und doch von dem
gemeinen Mann empfunden und verstanden werden
sollte. Seine Schrist enthält Gebete, Betrachtun-
gen und Lieder. Er hat bey den Gebeten auf die
verschiedenen Lagen u. Verhältniffe der Kranken
und Leidenden Rücksicht genommen, die sich meh-
rentheils durch Kürze , und kindliche Herzensspra-
che empfehlen, u. von myssischen Ausdrücken
srey sind. Der Betrachtungen sind 19 über die
Absicht unsers Lebens, über einige Pssichten der
Leidenden u. Kranken, über das Ziel unserer Le-
benstage u s. w. Manchmal sind wir auf schiefe
und nur halbwahre Ausdrücke gessossen, z. E.
dass wir von schreckhafren Ereignissen in der Na-
tur wenig oder gar nichts zu besürchten haben
würden, wenn wir nicht sündigten ; — dass wir
mit Zuversicht hossen können, dass der Schade,
den wir mit unsernSünden in der Welt angerichtet,
durch unsern Erlöser werde wieder vergütet wer-
den , weil er eine unendliche Macht und Güte be-
sitz?, und das Wohl des ganzen menschlichen Ge-
schlechts besördere. — L)ie wenigen Leiden, so
am Ende beygefügt worden, sind von Paul Ger-

hard, Gellert, u. ä. guten Liederdichtern zweck»
mässig entlehnt. Die Sprache drs Hn. K. ist ziem-
lich rein .. und für den gemeinen Mann fasssich
und verssändlich: doch fänden wir gleich in der
Zuschrift an seinen Vater den Sprachfehler; Zueig-
nung an einem Manin?,.
1) Frankfurt am Mayn: Adam Heim (s), ge»
wesenen Erzbisc öss. Kanzelredners in dem
hohen Erzdomssifte zuMaynz, Faftenpredigten
von ihm daselbst vorgerragen Nebst einem
Horbericht und Zufchrift von Hugo Eberhart
Heim , Doktor der göttlichen heiligen Schrift
und St'ftsgeistlichen zu Aschaffenburg. 1737,
432 S. g. XVI. B. Vorb (20 gr.)
2) Münster u. Osnabrück bey Perrenon: fs.
B. Herft’, (s) Kanonikus zu St. Johann und
Prediger in Dom zu Osnabrück Predigten über
verfchicdene Sonn-und Fefttage, auf Verlangen,
seiner Zuhörer herausgegeben. 1787. 308 $♦
in 8- C20 gr.)
Hr D. Heim in Aschaffenburg hätte die Faden-
predigten N. 1. immer ungedruckt lassen können;
indem er durch Herausgabe derselben weder seinem
verdorbenen Oheim dem gewesenen Erzbiscböss.
Canzelredner in dem hohen Erzdomssist zu Mainz,
noch dem Publikum einen sonderlichen Dienss ge-
lebter. Wollte auch Rec. nicht rügen Nachlässig-
keiten des Stils, Provincialismen, niedrige platte
Ausdrücke, lateinisch angeführte Stellen aus der
Vulgata und den Kirchenvätern, lateinisch an-
gesührte oratorische Kunstwörter, Exordium,
Propositio , Diuisio ■> Confirmatio part. I., Confir-
matio part. H-, Epilogus — womit jede Predigt
verbrämt worden: so muss er doch rügen, dass
der Vortrag fast durchgehends declamatorisch ist,
mehr zu rühren als zu überzeugen sucht, es fehlt
auch an gesunden und nüchterner Auslegung der
Schrift, die der sei. TZ mehrentheils von den Kirchen-
vätern erborgt und entlehnt hat. Zum Beweise
dieses Urtheils kann allein schon das dienen, wag
über die Stelle Matth. 2-j. 41. gesagt ist: Gehet
hin, ihr Verssuchte! in das ewige Feuer u. s. w»
Diese Stelle exegesirt Hr. H.solgendergestalt: ,,Die-
se Worte spricht der Richter an die Verworsene
(zu den Verworfenen) zur Zeit da sie vor ihm fle-
hen nicht als eitle Geister, nie in dem sonderba-
ren (besondern) Gericht, sondern da sie von der
enghsehen Posaune zum Leben erweckt ihre Lei-
ber wiederum angenommen haben. In sclchem
Stand (Zustand) wird ihnen gesagt: Genet hin in
das Feuer In was für ein teuer! und warum?
Ohne Zweifel zur Pein, mithin in ein empsindli-
ches und schmerzliches Feuer, welches eien Leib
quälen kann. Denn zu was Ende würden sonss
die Leiber mit den Seelen verbunden? mit'siri
muss das Feuer der Hölle ein vor (für) den Leib
schmerzliches Feuer seyn. Die Folge ist richtig,
und ssiesst ordentlich aus den Worten des E-dur-
theils. Es setzt aber der Richter hinzu: Gehethin

SUPPLEMENTE
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