Allgemeine Literaturzeitung: Supplemente zur allgemeinen Literatur-Zeitung — 1786/​1787

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23S

ZUR A. L.

Z. 17g ?♦
Rechtssachen Italiänisch verhandelt. Es wundert
Rec. auch, dass der Vf. hey Erwähnung des Seiden-
handels der Franzosen ganz vergibst, und be-
kannt ist es doch, wie viel Seide nach Lion
geht.
Rec. übergeht alle bittern Anmerkungen, theils
über die Toskaner insbesondre, theils über die
Italiener im allgemeinen, die ossenbar mit böser
Laune niedergeschrieben sind. Sie finden sich im
5 Abschnitt. Nur von einem Theil der Archenh.
Bemerkungen muss Rec. ein Wort sagen und das
■ist der, welcher von den Kunstsammlungen handelt.
Es muss jedem Kunstkenner, der nur ungefähr mit
den Schätzen von Florenz bekannt ist, höchst ein-
leuchtend seyn, wie der Vf. selbst die anerkanntesten
Vorzüge derStadt herabzusetzen sich bemüht,und oh-
ne hinlängliche KunstkenntnilTe und Geschmackzu
haben es wagt, die einzelnen Theile der Sammlung
zu untersuchen : daher ist auch sein Urtheil nicht
seiten fast lächerlich. Nur die mediceische Venus
giebc er als die einzige Statue vom ersten Range
an, die berühmten Ringer, eine l’o vollkommene
Gruppe, wie sie vielleicht nie wieder eines Künst-
lers Hand versertigte, der Schleiser, der vermuthlich
einst zu einer Gruppe gehörte, wo Apöllo’s Ur-
theil am Marsyas vollzogen werden süllte, der be-
rühmte Faun, der schone Apollo u. s. w. das
schienen ihm Dinge, die gar des Anführens nicht
werth sind. Was hernach bei Pisa von der Un-
wissenheit der Italiäner in Teutschen und über-
haupt fremder Litteratur gesagt wird, ist auch
übertrieben.
Auch alles, was im 6ten Abschnitt gesagt
wird, muss eben so gemildert und berichtigt wer-
den wie das bisher angeführte, zum Beweiss mag
eine Stelle S. t8i- hinreichend seyn, wo H. v. A.
vom schönen Geschlecht redet, und ohne zu be-
weisen sich folgende bittre Gemeinsprüche er-
laubt. Spiel, Iniriguen und Andachtsübungen ma-
chen den Zirkel ihrer Gefchdste und ihre einzige
Unterhaltung in Gefellfchelft aus. Es klingt sürch-
terlich, wenn er sagt: Viele von den vermummten
Brüdern aus den Brüderschasten haben unter ihre
Verkleidung Dolche oderMeJfer verborgen, mit denen
fie insgeheim ihrem Feind Stöfse beybringen. Solche
boshaste Handlungen find hier nicht feiten etc. Es
wäre abscheulich, wenn sich das so verhielte,
aber zur Ehre der Menscrheit sey es gesagt, es
ist nicht so. Es mag Exempel dafür geben, aber
sie sind gewiss seiten. Das drauf erzählte Fac-
tum S. kann geschehen seyn, aber die Ursa-
chen, die derVerf. dazu angiebt, sind ganz gewiss
unrichtig, sind gar nicht dem Charakter der Itali-
äner angemessen. Doch es gehörte schon allein
eine ganze Abhandlung nur dazu, um alle Unrich-
tigkeiten und übertrieben Darstellungen in diesem
einzigen Abschnitt anzuzeigen. Im /ten Abschnitt
spricht der Verf. von Rom. Auch hier wird der
Tadel stürmend vorgetragen man lese nur S. 207.
210. So richtig das ist, was Seite 211. von der den
Gg 2 Müssig-

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soll. Was S. $l. von der Abnahme der StaatsEin-
künfte gesagt wird ist falsch. Rec. weiss aus
sichern Quellen, dass durch weise Einrichtungen
und Sparsamkeit jährlich der Ueberschuss der Ein-
nahme steigt: so war er z, B. im Jahr 1774
433713 Ducati d’Argento, grösser als im Jahr 1773-
Der 3re Abschnitt spricht von den Venetiani-
scken Gebiete. Im 4ten Abschnitt hat der Vf-
wieder besonders in seinen Bemerkungen über den
König von Sardinien und seinen Staat verschiedne
Fehler begangen. Er nennt z B. den König einen
grofsen Oekonomen, eine Sache, der allgemein wie-
dersprochen wird. Zum Beweise der Richtigkeit
des Widerspruchs mag dies dienen , dhss ein je-
der, sobald er aus den Diensten des Königs geht,
wenn er nur eine nicht ganz widersinnige Ursache
angiebt, sogleich eine Pension erhält, eine Sache,
die wohl von keinem Staat so unumsehränkt be-
hauptet werden kann, als vom Sardinischen. In kei-
ner grofsen Stadt in Italien iß der Adel fo arm wie
hier, sagt der Vf. S. 92. — (vermuthlich redet er
von Turin, wenn er gleich die Stadt nicht genannt
hat.) Die Behauptung ist unrichtig: der Savoyar-
dische Adel ist nicht reich, aber der hält sich grö-
stentheils in Chambery aus: derPiemontesische Adel
hingegen ist durchgängig, wenn gleich nicht reich,
doch sehr wohlhabend. Rec. will die gar nicht
einmahl rechnen, die 5o> 60 bis. 100000 Thaler
reich sind, deren es eine grosse Anzahl in Turin
giebt, sondern nur die Namen einiger Familien
anführen, die seinem Gedächtnis sogleich gegen-
wärtig sind, die 50 bis 60000 Livres und mehr
jährliche Einkünste haben, als Marquis de Borrol,
Prince de la Cisterne, Marquis del Boury u. a. Ob
es so unumsehränkt wahr ist, wie der Vs. S. 93.
behauptet, dass kein Edelmann sein Geld außer
Landes leihen darf, ist wohl noch eine Frage, da
Rec. es von verschiednen adlichen Familien weiss,
dass sie grosse Summen in Genua, Lion und s. w.
verliehen haben. Dass der Adel käussich ist, ist
wahr, und wir setzen noch hinzu, dass gewöhnlich
7 bis 8000^ Livres für einen Adelsbrief bezahlt
werden. Ist denn das aber anders wo nicht? nicht
wohl noch sür geringere Summen? Eey dieser
Gelegenheit hätte es süglich erwähnt werden können,
dass doch immer ein grosser Abstand zwischen
dem alten und neuen Adel ist und jener sich
spöttelnd über diesen erhebt, wenn er ihn Gras
von 22 nennt. Es ist nehmlich bekannt, dass 1722
der König,wie er Geld nöthig hatte, den Adel an
mehr den 220 Familien verkauste, da wurden
Becker, Schlächter, kurz Handwerker aus allen
möglichen Zünften , Edelleute und von der Zeit
her rührt das Sprüchwort. Dass der Vf. Seite 94
behauptet: es gehe mit der Umvisfenheit des Adels
fo weit, aafs man wenige findet, die das eigentliche
itcili'äv.ifcde verßehcTi^ ist auch unrichtig. Piemon-
tesisch wird bekanntlich nicht geschrieben, son-
dcin man ichreibt allgemein Italiänisch, auch wer-
den alle Predigten Italiänisch gehalten, und alle
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