27$ SUPPDEMENTE
Sooft müssto man auch alle Gedanken der Men-
schen und Völker ansühren, um den denkenden
Menschen 211 beschreiben. Vierter Theil. Ueber
UNirheic und Irrthwm, Von der Manier des
Buchs geben solgende Proben einen Begriff.
„Wenn man, heisst es S. 1., den Menschen als
ein empfindendes und denkendes Wesen kennen ler-
nen will, so muss man nothwendig der Natur des
Gehirns und der Nerven nachspühren, so weit
diese durch menschlichen Scharssinn und Beobach»
tungsgeist ersorschlich sind.“ Wir dächten, man mus-
se lieh vor allen Dingen unmittelbar an dieErschei-
rm.ngen des innern Sinns mit seinem Beobachtungs-
geiste wenden, die Kenntniss der körperlichen
Werkzeuge belehrt uns über die eigentliche Ge-
sohichte des Gemüths , gewis nicht, sieist eben wie
die Verbindung des Erkenntniss, und Begeh-
rungsvermögens mit den körperlichen Werkzeu-
gen, ein zweytes, von jenem unabhängiges,
aber auch nicht zur Ausklärung des erden vorbe-
reitendes, Problem.
„Es giebt allerdings lebende Geschöpfe ohne
Kem/ und Gehirn“ heilst es weiter; und wer wird
daran zweiseln, wenn man es mit den Ausdrü-
cken Kops und Hirn genauer als mit dem Begrisse
des Lebens nimmt; aber was kann durch diesen
Satz die Lehre von der menfchlichen Seele gewin-
nen? „Es ist aber ungewiss, in wie fern diese
den Namen von Thieren verdienen., oder den
mit Gehirn begabten Thieren ähnlich sind. Das
kann aber nicht ungewiss bleiben , wenn es nur
mit dem eigentlichen Leben seine Richtigkeit hat.
Mach S. 6. dürsen wir hosfen, in einem künftigen.,
'belsern Leben mehrere und empsänglichere Orga-
ne zu bekommen, als wir jetzt besitzen,“ So
könnte man hossen dort alles dasjenige zu wer-
den und zu erlangen., wovon wir hieiiieden nur
nicht eben die Unmöglichkeit einsehen, Denn
das ift am Ende der ganze Grund , der zu diefer
nosnung berechtigen könnte.» In der Lehre vom
innern Sinns wiid so viel erzählt, was andere
darüber gesagt haben, und was .er nicht sey, dass
man am Ende gar keinen Begrifs übrig behält,
den man mit clie.sem Ausdruck verbinden könnte.
S. 15. Man kann zwar aus dem Gefühl unsers Ich
sicht svuTMV'Lm beweifen* aber doch mit über-
wiegender liNwsSwiNichkeit daraus sckUefsen, dass
das^in uns wahrnehmende Wesen eine einfache
Eubüanz sey. S. 61. ist des Vs» Ueberzeugung
sohon höhe*- gediegen; L'nbezweisebd Ersahrungen
über das Gesühl unters Ich zwingen uns, die Mey-
nur.p' derer zu verwerfen, welche die Seele für
ein 'körperliches Wesen halten. Aus diese Manier
l'i"t uns der Vs. östers seine siseymmg über strei-
tiue EiVgen., ohne von ihren Gründen Rechensehaft
abzulegen, „Die Zweifel und verwirrenden Fra-
uen, die man Alber das [Ich des Menschen und
über das Gefühl seiner. Persoa ..vorgetragen oder
ZUR A. L. Z. 1787/
aufgeworfen hat, laßen sich meidens leicht auflö-
sen oder beantworten.“ Warum werden aber die-
le leichten Lösungen so schwieriger Probleme
dem Leser vorenthalten ? Nach dem vierten Capi-
tol hat der Mensch unfireitig niedrere angebohrne
Triebe, unter welchen der Trieb der Mutterliebe
einer der wundervollsten ist. Die gewöhnlichen
Kennzeichen angebohrner Triebe Und aber edle
trüglich. Man möchte nun wißen, welches un-
trügliche Merkmahl der Ursprünglichkeit eines
Triebes Hr. M. kenne, wornach er für das Da-
seyn mehrerer angebohrnen Triebe, und nament-
lich des als Beyspiel angeführten, so zuverfichtlich
entseheidet. Allein gerade diess verhehlt Hr. M.
seinen Lesern, als wenn diese sich schon daran begnü-
gen müssten, nur seine Meynung zu ersahren.
„Es ist unleugbar ,,es hat die höchste Wahrschein-
lichkeit „ich halte es in dieser Materie mit u. s. f.“
sind gewöhnliche Formeln, welche die Stelle der
Beweise vertreten. S. 113. „Der Grund von der
Sprachsähigkeit des menschlichen Kindes und
der Sprachlosigkeit der Thiere muss nicht in dem
Daseyn oder der Abwesenheit von besondern Gei-
stesfähigke.iten, sondern vielmehr in dem Daseyn
oder der Abwesenheit der zur Hervorbringung ar-
ticulirter Töne nothwendigen Sprachwerkzeuge
gesucht werden.“ Eben so scheinbar könnte man
auch die Fähigkeit oder Unsähigkeit, ein Buch zix
schreiben, bey Menschen und Thieren lediglich,
von der Biegsamkeitund Modificabilitätder mensch-
lichen Hand und von dem Mangel dieser Eigen-
schast bey den Thieren ableiten, ohne den Unter-
schied des Geistes in Anschlag zu bringen. „We-
der der Orangutang — — noch gewiße Vögelar-
ten -— geben einen Gegenbeweis gegen die
vorgetragene Behauptung; gegen unsre Vermu-
thung eben so wenig, wenn einmahl die Ungül-
tigkeit eines Gegenbeweises die Stelle eines ße-
weises vertreten soll, was nach unsrer scholasti-
schen Syllogistik, die aber die Köpfe verfinstert,
sreylich nicht wohl seyn kann. — Wir haben aber
schon zuviel Stellen ausgezeichnet, die den Geist
und Ton, der in dieser Seelenlehre herrscht,
deutlich machen können. Wir müßen geliehen*
es ist eine peinliche Empsindung, die man hat,
wenn man -einmahl gewahr wird, dass ein gelehr-
ter Mann, der ehemasils (in mehreren Aussätze»
seiner vermischten Schristen) und der noch un-
längst in Schriften von ganz anderer Art z. B. in
seiner Keise in die Schweiz) das Nützliche mit
dem Angenehmen so glücklich zu verbinden wuss-
te , auf eine Art, Bücher zu verfertigen, gekom-
men ist, die seinen erworbenen ichriftilellerischea
Ruhm in eben dem Verhältniße verdunkelt, als
sie das lesende Publikum an der Belehrung so
wie an dem Vergnügen leer lässt, die es aus sei*
nen frühem Producten zu sehöpsen wusste.



