Allgemeine theologische Bibliothek — 1.1774 [VD18 90309928]

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An Herrn Lavater.

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den Herzens allezeit für so richtig halten, daß ich
nie fürchten dürfte, auf schwärmerische Abwege
geleitet zu werden? Gern bcspräch ich mich weiter
mit Ihnen über diesen wichtigen Punct. Aber der
Raum ist klein, und der Gedanken sind viel, die ich
Ihnen noch mitzutheilen habe. —> Ich denke immer
es wäre — sicherer zum wenigsten —- wenn man le-
benslang Gottes Wort als Text gelten / und dasselbe
sein Herz so leiten ließe, daß man nie urtheilte oder
handelte — wo nicht die buchstäbliche Forderung
des göttlichen Worts mit den Gefühlforderungen
des guten Herzens —. sichtbar übcreinstimmte.
Ich komme nun auf den zweyten Theil Ihres
Tagebuchs selbst, Erwarten Sie hier nichts, was
Sic in andern Recensionen suchen müssen. Ich
lasse alles auf der Seite liegen, was die kunstrichter-
liche Fragen betrifft: was steht neues in dem Buche?
ist es rein und korrekt? Wie ist die Erzählung ge-
rathen? Was hätte der Verfasser kürzer und was
vollständiger berichten sollen? Diese und alle ähnli-
che Fragen sollen mich indem Gange meiner Unter-
redung mit Ihnen nicht aufhalten. Blos meine
Gedanken will ich Ihnen, wie sie durch Ihre Erzäh-
lung erweckt oder veranlaßt worden sind, mitthei-
lcn. Dieser Brief soll recht eigentlich eine Anspra-
che an die Seele meines Lavaters seyn .— oder viel-
mehr an alle, die so denken und empfinden, wie Sie
denken und empfinden, oder doch zu denken und
empfinden scheinen.

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