Allgemeine theologische Bibliothek — 1.1774 [VD18 90309928]

Seite: 157
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An Herrn Lavater. 157
Siedürsten nach Vollkommenheit. Und da
Durst allemal eine unangenehme Empfindung ist,
so ist auch Ihre Seele bey diesem Durste voll schmerz-
hafter, kränkenderund oft recht lastender Gefühle.
Wie nun jene unangenehme Empfindung so lange
dauert, als der Durst da ist; so werden auch jene
Gefühle Ihrer Seele so lange fortdauern, bis die-
ser Durst entweder gestillct oder in eine andere
Empfindung übergegangen ist. Ersteres ist unmög-
lich, also müssen Sie um letzteres besorgt ftyn, oder
jene Gefühle erdulden, bis Sie —> sterben.
Erlauben Sie mir, daß ich einen Versuch ma-
che, Ihnen zuerst die behauptete Unmöglichkeit zrt
beweisen, um Ihnen hernach die Sorge für das
letzte desto besser empfehlen zu können.
Wenn ich sage, Ihr Durst nach Vollkommen-
heit könne nicht gestillt werden, so meine ich nut
den Ihrigen : nicht den, von welchem unser Hei-
land Matth. 5, 6. redet. Denn der kann gestillt
werden. Und er müßte auch, der untrüglichen
Verheißung des Erlösers gemäß, auch bei Ihnen
schon gestillt seyn, wofern cs derselbe wäre.
Aber er ist es nicht — denn Sie dürsten noch
nach einer andern Vollkommenheit, als uns Jesus
Christus geben kann und will. Sie sehnen sich
nach einem moralischen Seelenzustande, der in die-
sem Leben N'cht möglich ist. Ihr Herz fordert —«
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