Allgemeine theologische Bibliothek — 3.1775 [VD18 90309928]

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Predigten von Stmm»
sätze des Aberglaubens (Siehe die sZsteNote zn
Herrn Michaelis Erklärung des Briefes an die He-
bräer) Sclavcn einer bangen Todesfurcht werden
waren, khcils endlich an den Ketten des menschlichen
Ansehens so an die Satzungen ihrer Aeltesten gefes-
selt waren, daß Freyheit zu denken in der Religion
unrcr ihnen eine unerwartete Sache zu scyn schien.
Das sind die Stücke, und vornehmlich das erste,
worauf Paulus überall stehet, wenn er von der
Freyheit der Christen redet, und wohin auch die
ganze Absicht des Textes gerichtet ist (Gal. 4, r i—-
Z i.) den H. St. bey dieser Predigt vor sich hatte.
Es ist also immer ein Zeichen, daß H. St. bey Be-
arbeitung dieser Materie nicht scharf genug nachge-
dacht hat, um die eigentlichen Punkte aufzufinLen,
die nach der Theorie der Schrift zu dieser Materie
von der Freyheit gerechnet werden mußten. Unk»
so geht es unfern meisten Predigern. Sie stossen
auf ein Thema, und die Seele—- die schon gewöhnt
ist, schnell zu arbeiten— giebt die ersten besten ho-
miletischen Einfälle von sich, die bey dem Schalle des
Thema ihr cinsielen. Nur wenige sehen das Predi-
gen als eine Sache an, bey der es nöthig wäre, eben
den Tiefsinn, eben die scharfe Meditation, anzuwen-
den, die sie bey einer andern gelehrten Arbeit anwen/
den würden. Und daher kommts, daß man überall
das alltäglichste Zeug hören und lesen muß, welches
von der Oberfläche abgeschöpft, und dazu noch seicht
genug vorgetragen wird. Was Wunder, wenn ri>
rie Predigt für einsichtsvolle und denkende Christen
selten unterhaltend und lehrreich wird.
Man wende uns ja nicht ein, daß Tiefsinn und
Gchärfe im Denken der Popularität des Kanzelvor-
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