Allgemeines kritisches Archiv — 4.1777

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ihre Reihe, einzukleiden weiß; dasjenige, was
man in der Theorie der Künste Pathos, Grazie,
Laune nennt; die süsse Täuschung in welche er
unS oft verseh um uns selbst denken zu lassen,
seine weise Sparsamkeit im Ausdruck und in der
Auszierung seiner Gedanken; seine oft höchst an-
genehme Nachlaßigkeit, in welche er sich verliert,
wenn eine süsse Lleblingsempfindung seine Seele
gleichsam in einen sanften Schlummer zu senken
scheint; seine ungekünstelte Sprache, die uns
aber so schön dünkt, als hätte er sie den Grazien
abqelernt; kurz, das ganze Wesen seiner Muse
will ich die Philosophie meines Dichters nen-
neu, denn kürzer und angemessener weiß ich mich
jeßo nicht auszudrücken." Was ist nun aber
ein Anakreontisthes Lied? „Meistens (sagt
der Vers.) nur eine süsse Empfindung, ein ar-
tiger Einfall, ein niedlicher Gedanke, dem die
sanfte Phantasie ohne viele Ausdehnung in der
bündigsten Kürze, Leben und Handlung giebt. rc.
Bisweilen ist es ein kleines nachläßig entwarft
nes Gemälde einer lächelnden Scene, wobey
die Farben nicht durch viele Kunst erhöht, son-
dern bloß nach der Natur des Gegenstandes ge-
mischt worden, eines schaltigten Baums, von
einer Quelle umflossen, der einen Ermüdeten zur
Erquickung einladet. Bisweilen und Zwar sehr
oft, ist es eine kleine allegorische Erzählung, die
mit aller Delikatesse gewürzt ist. rc.
Derl-Litt- wochenbl. rite-Stück.
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