Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 26.1901

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DIE «PYRAMIDE» VON KENCHREAI

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dein kann, liegen diese Löcher auch so viel tiefer als der obere
Rand der Ruine, dass sie nur als Boden eines zweiten Stock-
werkes aufgefasst werden können. Es erhoben sich also einst
auf den geböschten Wänden senkrechte Wände von etwa 90 cm
Dicke, und wir erhalten die Gestalt eines nur unten geböschten
Turmes auf niedrigem senkrechtem Sockel und mit senkrechtem
Oberteil von unbekannter Höhe.
Diese Form war in der Argolis nicht vereinzelt. Ein anderer
geböschter Turm stand auf der Passhöhe zwischen Epidauros
und Nauplia bei Lessa (Ligurio). Man erkennt heute noch den
vertikalen Teil des Sockels und den Anfang des darüber fol-
genden. Der Grundriss ist einfacher, aber namentlich darin
dem von Kenchreai ähnlich, dass an einer Ecke der recht-
winklige Ausschnitt vor dem Eingang wiederkehrt1.
Böschungen sind bei dicken Mauern besonders dann ange-
bracht, wenn sie ohne Mörtel als sogenannte Trockenmauern
errichtet sind. Der Turm von Kenchreai zeigt ein merkwürdi-
ges Gemisch von Mörtel- und Trockenmauer. Man kann dies
namentlich an der abgestürzten Westseite beobachten. Zweifel-
los ist der Mörtel nicht nur äusserlich zum Verstreichen der
Fugen angewendet, sondern auch im Innern ; aber hier sehr
spärlich, und an mehreren Stellen fehlte er. Bei Steinen von
solcher Grösse und Form hatte der Mörtel auch keinen grossen
Einfluss auf die Haltbarkeit. Vitruv rät wiederholt, dass man
bei der caementicia structura nur kleine Steine nehmen solle2.
Jedenfalls beweist aber das Vorkommen von Mörtel im inneren
Verbände, dass das Werk nicht sehr alt ist. Die Steine machen
zwar wegen ihrer polygonalen Fügung zunächst einen alter-
tümlichen Eindruck, aber man bemerkt bald, dass die Bauart
nicht so sorgfältig ist, wie man von einem archaischen Bau er-

1 Expedition de Moree II Taf. 76) Fig. 2 und 3, Ross Peloponnes S. 145 Für
die Böschung macht ferner Donaldson a. a. O. auf die Akropolis von Chaironeia
aufmerksam. Grosse Böschungen bemerkt man an den Stadtmauern von Selinunt,
ferner an einem Turm sudanischer Zeit in Florenz, den Milani im Museo archeo-
logico wieder aufgebaut hat (Mitteilung von F. v. Duhn und R. Zahn). Auf abge-
treppte Stützpfeiler von Limestürmen (z. B. Castell Osterburken) machte mich
K. Schuchardt aufmerksam.
2 Z. B. Vitruv II 8, 1—2 S. 46, 22 ff. Rose.
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