Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 27.1902

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DAS EPIDAURISCHE ABATON

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sehen durch ein litterarisches oder monumentales Zeugnis ge-
sichert ist. Wenn, wie Dörpfeld annimmt, die von U. Köhler
(a.a.O. S. 252) dem Asklepieion abgesprochene westliche Ter-
rasse doch zum Bezirk des Heilgottes gehört, so ist zu erwä-
gen, ob nicht etwa das grösste dort gelegene Gebäude (BB auf
dem Plan Athen. Mitt. II T. 13), welches vier Gemächer mit
vorgelegter Halle enthält, Anspruch darauf hat, als der Ort
der εγκοίμησις der Kranken zu gelten.
Unter der Voraussetzung, dass die Deutung der epidaurischen
Halle durch die angeführten Gründe gesichert sei, versucht
nun Kavvadias eine merkwürdige Stelle in den Ϊ,άματα-Inschrif-
ten damit in Einklang zu setzen: Αισχίνας έγκεκοιμισμένων ηδη
των ίκετάν έπ'ι δένδρεόν τι άμβάς ύπερέκυπτε εις τό ά'βατον κτλ.
(Fouilles d’Epidaure S. 26 Ζ. go ί. - - CIG Pel. I 951)· Also um
einen Einblick in das Abaton zu gewinnen, kletterte Aischi-
nes auf einen Baum. Da die Vorderseite der Halle wenigstens
in der Osthälfte vermutlich ganz offen war—in der Westhälfte
waren die Aussensäulen durch etwa 1,80 m hohe Balustraden
verbunden —, so denkt sich Kavvadias den Innenraum in zwei
Langschiffe geteilt. Fundamente, welche in der Osthälfte zwi-
schen den Innensäulen erhalten sind, scheinen ihm diese An-
nahme zu empfehlen. Damit Aischines einen Blick in das ver-
schlossene Langschiff werfen könne, nimmt Kavvadias in der
Hallenrti-ckwand Fenster an. Jedoch beides, Fenster wie Quer-
wände, sind an sich bedenkliche und durch Funde nicht ge-
stützte Annahmen. Denn jene Fundamente, welche Kavva-
dias für Querwände in Anspruch nimmt, sind nach einer
Bemerkung Dörpfelds höchst wahrscheinlich als Fundamente
von steinernen Sitzbänken aufzufassen, wie sie in der West-
hälfte zwischen den Innenstützen noch in situ stehen.
Gegen die Vorstellung, dass Aischines durch ein Fenster in
das Abaton gespäht habe, spricht aber auch der Wortlaut der
Inschrift. Denn ύπερκύπτειν kann unmöglich bedeuten «sich
durch ein Fenster beugen» — das hätte durch διακΰπτειν aus-
gedrückt werden müssen (vgl. z. B. Aristophanes Eccles. 930).
Es heisst: «sich über etwas hinbeugen» (vgl. Plato Euthyd. 1),
ύπερέκυπτε εις τό ά'βατον bedeutet also : er spähte über irgend
ein Hindernis hinweg—vermutlich eine Mauer—in das Abaton».
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