Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 36.1911

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W. DORPFELD

eher Architektur. Ich halte solche Ergänzungen nicht nur
für überflüssig und nutzlos, sondern geradezu für gefährlich.
Denn dadurch werden phantastische Monumente geschaffen,
die niemals bestanden haben, und das Studienmaterial, auf
dem sich die Geschichte der Architektur aufbauen soll,
wird gefälscht.
Ein crasses Beispiel dieser Art von Ergänzungen musste
ich schon vor Kurzem in einem Aufsatze über das Dionysos-
Theater besprechen (Arch. Jahrb. XXIV 1909,224). Versakis
hatte ein gar nicht zum Theater gehöriges ionisches Geison
der Skene des Lykurg zugeteilt und auf Grund dieses Stei-
nes eine zweigeschossige ionische Skenenfassade griechischer
Zeit ergänzt, die niemals existiert hat. Ein anderes sehr cha-
rakteristisches Beispiel liefert uns das Monument des Nikias,
dessen Behandlung durch Versakis ich im Interesse der Sache
daher etwas näher beleuchten muss.
Als seinen 'wichtigsten Fund* unter den neuen Baustei-
nen des Nikias-Monumentes bezeichnet Versakis (S. 221) ein
dorisches Capitell, das jetzt an der Nordostecke des Parthe-
non liegt. Er teilt es unserem Bau nicht etwa nur vermu-
tungsweise zu, sondern als 'Tatsache, die keinen Zweifel zu-
lässt*. Und die Beweise? Erstens bestehen beide aus penteli-
schem Marmor, (das tun aber bekanntlich die meisten monu-
mentalen Architekturstücke Athens!); zweitens zeigen sie
dieselbe Arbeit (dass das Gegenteil der Fall ist, werden wir
später sehen!); drittens: 'die Übereinstimmung der Maasse
hebt jeden Zweifel* (als ob es in Athen nicht viele Gebäude
mit Baugliedern von ähnlichen mittleren Abmessungen ge-
geben hätte!). Niemand wird behaupten, dass drei derartige
Beweise genügen, um ein jetzt am Parthenon liegendes Capi-
tell einem Gebälk zuzuschreiben, das seit Jahrhunderten im
westlichen Burgtor verbaut ist und wahrscheinlich einst zu
einem am Südabhang der Burg' gelegenen Gebäude gehört
hat. Mau wird aber vielleicht entgegnen, dass es kein gros-
ses Unglück und für die Architekturgeschichte ganz unge-
fährlich ist, wenn einem antiken Bau, wie dem Nikias-Monu-
ment, ein nicht zugehöriges Capitell zugeteilt wird. Das mag
im Allgemeinen richtig sein. In unserem Falle liegt die Sache
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