Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 36.1911

Page: 70
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/am1911/0086
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
70

W. DORPFELD

sichten der Amerikaner über die Gebäude und ihre Archi-
tektur kenne ich im Einzelnen nicht, weiss aber, dass sie
durch Nachgrabungen die Pläne der Bauwerke nicht unwe-
sentlich berichtigt haben. Aus ihrer in Aussicht stehenden
Publication werden wir daher manches Neue lernen. Vor der
schon erschienenen Veröffentlichung von Versakis ('Eqx apx-
1908, 255 und Taf. 9-10) muss ich dagegen die Fachgenos-
sen ernstlich warnen. Fast alle im Bezirk herumliegenden
antiken Bausteine, die aber teils aus byzantinischen Kirchen,
teils aus einer mittelalterlichen Festungsmauer stammen, hat
Versakis mit beneidenswertem Alute auf die meist nur in
den Fundamenten erhaltenen verschiedenen antiken Bau-
werke verteilt und so Ergänzungen von Tempeln und Hal-
len geschaffen, die zum Teil mehr als willkürlich, nämlich
ganz unmöglich sind. Da werden ionische und dorische Tem-
pelfassaden gezeichnet, von denen auch nicht ein Stein rich-
tig ist. Ein Tempel von 6 m Breite erhält eine Fassade von
6 Stützen, sodass man kaum zwischen den Säulen hindurch-
gehen kann! Ein anderer Tempel von etwas über 4 m Breite
bekommt 4 Stützen, und zwar dieselben Säulen wie ein Bau
von 5 m Breite! An der grossen östlichen Säulenhalle, deren
Grundriss noch in der falschen Gestalt wiedergegeben wird,
mag die Ergänzung der unteren dorischen Architektur rich-
tig sein, weil die Standspuren der Säulen noch vorhanden
sind und auch mehrere Gebälkstücke herum liegen; aber die
ergänzte Oberhalle mit ihren ionischen Säulen kann un-
möglich der Wirklichkeit entsprechen. Obwohl im Allgemei-
nen in der älteren griechischen Architektur das Oberge-
schoss niedriger zu sein pflegt als das Hauptgeschoss (so
auch noch in der Attalos-Stoa), und obwohl in unserem Bau
auf den Geisa des Untergeschosses die Standspuren der obe-
ren dünneren Säulen von 0,49 m Durchmesser erhalten sind,
werden hier Basen von 0,78 m und Säulen von 0,58 m Durch-
messer ergänzt, die weder zu den Maassen noch zu der Axe
der Standspur passen! Es gibt keinen antiken Bau, bei dem
sich die Obersäulen im Durchschnitt so zum Gebälk der un-
teren Säulen verhalten, wie es Versakis zeichnet (Taf. 10, 4).
Als Muster einer schlechten Construction verdient ferner die
loading ...