Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 40.1915

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G. KARO

(S. 207), sind selten, viel häufiger die Verschmelzung des Ein-
heimischen mit dem Fremden, in wechselndem Maasse und
fast bei jedem Stück verschiedener Weise. Das haben uns
schon die Grabstelen gelehrt, die Goldsachen bestätigen es.
Der Becher mit rennenden Löwen oben S. 211 verbindet hei-
mische Form mit minoisch beeinflusster Darstellung. Das
Goldblech mit hängenden Lilien macht aus lebendigen minoi-
schen Blüten ein Geschmeide (S 207). Die grossen und klei-
nen Goldscheiben, Knöpfe, Beschläge führen in zahlreichen
Beispielen alteinheimische Linearmuster vor, denen gegen-
über das Minoische zurücktritt. Dabei ist die Frage, ob diese
Arbeiten in der Argolis entstanden sind, noch nicht sicher
lösbar. Am interessantesten und aufschlussreichsten aber
wirkt die Stilmischung bei den goldenen Kästchenbeschlägen
V 808-810 (oben S. 207). Kurt Müller hat einleuchtend darge-
tan, dass es sich hier keineswegs um eine sklavische, minder-
wertige Nachahmung guter kretischer Vorbilder handelt,
sondern um ein bewusstes r Umempfinden von Bildern fri-
schen Lebens zu Ornamenten’. Die Spiralnetze der kurzen
Bleche sind ganz unminoisch,1 nicht minder, auf den Darstel-
lungen jagender Löwen, die ornamentale Umgestaltung der
Hirschgeweihe, Wildziegenhörner und Palmen, vor Allem aber
die Verwendung von Blättern und Zweigen als blosse Füll-
muster. Hier hat ein altmodischer oder eigenwilliger festlän-
discher Künstler versucht, die fremde, überlegene Kunst dem
heimischen Stil einzufügen—freilich mit geringem Erfolge—,
während andere neben ihm Arbeitende sich ihr willig unter-
warfen, aber weit hinter ihren Vorbildern zurückblieben.
Indessen lehrt der Frauenschmuck ebenso wie die Verzierung
der Waffen (S. 177 ff. 193 ff.), dass sich im rein Ornamentalen
die alte festländische Überlieferung ebenbürtig neben dem
Minoischen behauptet, ihm sogar an einheitlich geschlossener
Klarheit überlegen bleibt. Das Herrentum der friihmykeni-
schen Fürsten äussert sich darin, wie in der Wahl der Gegen-
stände—Jagd und Krieg—, die sie minoischen Künstlern auf-
1 [Bei verwandten kretischen Denkmälern wie dem Prunkbeil von
Mallia ist wohl Einfluss der Kykladen anzunehmen; waren doch auch die
marmornen Inselidole auf Kreta beliebt].
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