Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Hrsg.]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 44.1919

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Gerhart Rodenwaldt

Die politischen Verhältnisse, unter denen im zweiten Jahrtausend
das plötzliche Eindringen der kretischen Kunst in das festländische
Griechenland erfolgte, werden ein Rätsel sein, solange die Dokumente
dieser Epoche für uns stumm bleiben. Die Grundtatsache, die wir zu
erkennen vermögen, ist, dass eine hochentwickelte Kunst, die im Besitze
einer monumentalen Plastik, Malerei und Architektur ist, auf eine ganz
primitive Kultur aufgepfropft wird, die weit davon entfernt ist, innerlich
reif dafür zu sein, ln den Funden der Schachtgräber von Mykenai stehen
die einheimischen keramischen und kunstgewerblichen Erzeugnisse neben
dem fremden Import und den Werken eingewanderter fremder Künstler,
aber von ihnen getrennt durch einen unüberbrückbaren Gegensatz.
Zwischen der kretischen Kunst dieser Zeit, die an Begabung für den
Naturalismus und Freiheit von Abstraktion und formalem Zwang die
orientalischen Künste weit überbot, und der geometrischen Ornamentik
der damaligen griechischen Kleinkunst gab es keine Vermittlung. Die
Griechen waren ebensowenig imstande, diese sie erdrückende Kunst
organisch aufzunehmen und zu verarbeiten, wie die Germanen der römi-
schen Kaiserzeit es mit der antiken Kunst zu tun vermochten. So stirbt
die einheimische Volkskunst bald ab, Griechenland wird eine Provinz
der kretischen Kunst, monumentale Reliefplastik, Malerei, der dekorative
Teil der Architektur, Keramik und Kunstgewerbe werden kretisch und
nur in der Raum- und Grundrißbildung der Architektur, in der Tracht
und einem Teil des Gegenständlichen in der Malerei ringt sich das Eigen-
leben des Griechentums durch i). Aber es war nicht stark genug, um
sein Geschick von dem der kretischen Kultur zu trennen, die mykenische
Kunst entartet und vergeht mit der kretischen und mit ihr endet auch
die erste Periode der monumentalen Kunst in Griechenland.
J Vg). Tiryns II 201 ff.; K. Müiler, AM. XXXIV 1909, 282 ff.; Arch.
Jahrb. XXX 1915, 314 ff. Die Ausführungen von U. Kahrstedt über die
Nationalität der Erbauer von Mykenai und Tiryns (Neue Jahrb. XXII 1919.
71 ff.) beruhen auf zwei irrigen Voraussetzungen; er verkennt den trotz mancher
verbindender Übergänge offenbaren Bruch zw'schen der mykenischen und der
geometrischen Kultur (vgl. Tiryns II 221 Anm. 2; B. Schweitzer, Unter-
suchungen zur Chronologie der geometrischen Stile in Griechenland I 79 und
AM. XXXXIII 1918, 2 ff. und 79 f. Anm. 2) und wiederholt die längst
widerlegte (vgl. Mackenzie. B. S. A. XI 181 ff. und XII 216 ff.; Noack, Oval-
haus u. Palast 2 ff.) Dörpfeldsche Hypothese der 'achäischen' Gestalt der
jüngeren kretischen Paläste.
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