Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 44.1919

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Zur Entstehung der monumenta!en Architektur in Griecheniand 179

zur Eroberung und Aufsaugung der geistigen und künstlerischen Er-
rungenschaften, durch die sie die Elmwelt bis dahin tiberbot. Das siebente
Jahrhundert der griechischen Kulturgeschichte ist das Epochenjahr-
hundert für die europäische Kultur gewesen.
Die griechische Kunst wäre in diesem Stadium vermutlich zur
Monumentalität gelangt, auch wenn diese in Ägypten und im Orient
noch nicht bestanden hätte. Aber der Schritt wurde ihr dadurch er-
leichtert, daß sie an das Vorhandene anknüpfen konnte. Trotzdem mußte
sie mit dem Problem des Monumentalen zunächst ringen, ehe sie es in
die Bahn folgerichtiger Entwicklung zu bannen vermochte, die für die
griechische Kunst so wesentlich ist. Gerade in den Anfängen zeigt sich
neben der Gebundenheit der Einzelformen eine Ungebundenheit in dem
Schwanken der Formate, in der Vielheit dekorativer Motive, in einer
Unausgeglichenheit zwischen Leere und Überfülle, in einer Beziehungs-
losigkeit zwischen Inhalt und Format, die erst allmählich über-
wunden wird.
Wie verhält sich nun zu der Entstehung der Monumentalität die
Architektur? Seltsamerweise hat man die Folgerungen, die die An-
schauung von der geometrischen Kunst als einer Kunst ohne monu-
mentale Plastik und Malerei nahelegte, nicht auf die Geschichte des
Tempels zu übertragen versucht, wohl deshalb, weil die Fragen der Ent-
wicklung der Plastik und der Architektur meist getrennt behandelt
worden sind i). Man pflegt noch heute trotz mancher Bedenken, die sich
allmählich dagegen erhoben haben, an der Anschauung festzuhalten, daß
der griechische Tempel in einer kontinuierlichen Entwicklung aus dem
mykenischen Megaron hervorgegangen sei, und schließt die Lücke, die
zwischen den mykenischen Palästen und den ältesten Tempelresten klafft,
durch die Annahme einer monumentalen Holzarchitektur des Tempels,
die während der Jahrhunderte der geometrischen Kultur geherrscht habe.
Diese Hypothese steht im Widerspruch zu dem Grundwesen des
geometrischen Stils und zu der Grundtatsache der ältesten griechischen
Kunstgeschichte, daß Geist und Stil der geometrischen Kunst gegenüber
dem Mykenischen etwas ganz Neues und Eignes sind.
p In der Hauptsache die gleichen Gedanken, wie sie oben vorgetragen
werden, finde ich zu meiner Freude bei A. v. Salis, Die Kunst der Griechen,
25 ff. und bei Bethe, Neue Jahrb. XXII 1919, 8 ff.
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