Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 46.1921

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G. Rodenwaidt

Brust schräg iiberschneidenden Mantels oder Mäntelchens auf. An dieser
Stelle finden sich zwei verschiedene Motive: Entweder stehen neben-
einander kleine schräge oder senkrechte Fältchen eines herausgezogenen
kurzen Überschlages (z. B Schrader, Auswahl, Taf. V und IX) oder
die äußerste Falte legt sich in Zickzackwindungen uni (Schrader.
Taf. III und XII). Die gleichen Motive hat die archaisierende Plastik
(Beispiele bei Bulle, Archaisierende griechische Rundplastik). In allen
drei Formen entsteht die Zickzacklinie als unterer Abschluß hängen-
der Gewandpartien, und die Falten, an deren Enden ihre Glieder an-
setzen, verlaufen parallel oder sich deckend nach oben.

Hier haben wir die umgekehrte Erscheinung vor uns. An der linken
Seite zwar sind die Zickzackfalten des hängenden Himationendes nach
der üblichen Art gebildet. Aber vom Rücken her bis zur Schulter schieben
sich einzelne Falten schräg übereinander, die nach unten umkippen und
dadurch ein Zickzackmuster bilden, von dessen einzelnen Ecken sich
dann die schweren Falten nach unten ziehen. Es ist ein höchst merk-
würd'ges und gekünsteltes, aber folgerichtig durchgeführtes Motiv. Ein
weiteres Beispiel dafür ist mir weder aus archaischer noch aus archaistischer
Kunst in Erinnerung. Vielleicht sehen andere mit entsprechenden Stücken
einen Weg zu einer sichereren kunstgeschichtlichen Einordnung des
Torsos, als sie aus sonstigen Erwägungen möglich ist

Wir können zunächst mit Gewißheit einige Kunstkreise ausschließen,
zu denen der Torso keine Beziehungen hat. Nichts Verwandtes finden
wir, sei es bei Werken attischer Meister, sei es bei den in Athen gefundenen
Werken nichtattischer Künstler. Man braucht den Torso nur neben
ein Werk wie den stehenden bekleideten Jüngling von der Akropolis
(Schrader, a. a. 0. Taf. XII) zu stellen, um den stärksten Gegensatz
zwischen der fließenden Weichheit jenes und der trockenen Flachheit
dieses Gewandes zu empfinden. Aber in Attika haben damals viele fremde
Meister gearbeitet, und es kann ein Zufall sein, daß uns von dieser Kunst-
art kein weiteres Beispiel erhalten ist.

Ebenso ausgeschlossen ist der peloponnesische und westgriechische
Kreis. So bleibt nur die Kunst des ionischen Festlandes oder der Inseln
iibrig. Diese ist gerade für die in Betracht kommende Zeit besonders
dunkel. Die Frage der Datierung des Torsos könnte nun freilich auch
erst dann gelöst werden, wenn wir ihn in einer Reihe von örtlich be-
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