Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 46.1921

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Gewandschemata der archaischen Kunst

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ein Mittelbündel aus ebenso dicht nebeneinander laufenden Senkrechten
und beweist, daß man dem Stoff so viele Falten geben kann, — wenn
man es will. Auch auf derselben Vase finden sich Unterschiede. Es ist
ganz unwahrscheinlich, daß der Stoff von Dionysos’ Chiton auf der Cäre-
taner Hydria in Wien (Masner No. 218), der keine Linien hat, dünner zu
denken sei als der mit Linien versehene des Hephaistos, oder daß Odysseus
einen feineren getragen habe als die Frauen auf der korinthischen Kanne,
Jahrb. VII 1892 Taf. I. Soll der schwarze Chiton des sitzenden Mannes
auf der ‘pontischen’ Amphora in München (Sieveking-Hackl No. 838)
dünner sein als der rote des Herakles und der weiße des Wagenlenkers,
auf der Frangoisvase der weiße des Nereus ebenso dick wie der schwarze
des Hermes? Man nimmt doch an, daß die weiße Färbung das dünnere
Linnen gegenüber dem dunkelen Wollengewand charakterisieren soll. Mit
der naturalistischen Erklärung kornrnt man offenbar nicht durch, viel-
mehr bestimmt der Stil die Anzahl der Falten, nicht der Stoff; dieser
wirkt nur hemmend, indem ein dicker Stoff nicht in so schmale Falten
gelegt werden kann wie ein dünner, andererseits dieser aber auch nicht
in schmalere gelegt werden muß, als ein dicker hat. Da nun die
späteren Stilstufen zahlreichere Linien verlangen als die früheren,
kann der wollene Peplos der Hestia mehr Falten zeigen als der
linnene Chiton der korinthischen Vasen. Man darf auch nicht sagen,
im Osten herrschen gegenüber dem Festland die dichter gestellten
Falten, weil hier anstatt des Peplos der Chiton aus Linnen iiblich
ist, sondern es muß heißen, weil der Stil hier dichtere Faltenstellung
verlangt.

Da in archaischer Kunst nicht naturalistische Beobachtung, sondern
der ornamentale Zusammenhang die Darstellung bestimmt, muß sogar
an demselben Denkmal nicht der dünnere Stoff mehr Linien aufweisen
als der dickere, wie die eben angeführten Beispiele zeigen. Daher möchte
ich nicht bei der Cheramyesfigur aus der Faltenlosigkeit des Mantels, der
weiteren Linienstellung am schrägen Mäntelchen als am Chiton auf Stoff-
unterschiede schließen (so z. B. Lerman, Altgriech. Plastik 50), denn bei
Akropoliskoren wie No. 674 und 680 hat das Mäntelchen die gleichen
Wellenlinien wie der Chiton, wäre also von gleichartigem Stoff und
andererseits kommt es auch vor, daß der Mantel Falten zeigt und der
Chiton keine, also dicker sein miißte: A. D. II Taf. XXIII No. 16b.

Atheu. Mitteilungen XXXXVI 1921 5
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