Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 46.1921

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Valentin Müller

Es hat vielmehr der Kühstler der Hera gegen die durch Linien belebte
Fläche des Chiton die glatte des Manlels aus dem rein künstlerischen
Grunde der Abwechslung gesetzt.

Wie wenig ein archaischer Künstler eine Figur im ganzen nach
naturalistischen Gesichtspunkten durchdenkt, sondern ihre einzelnen Teile
getrennt nach dekorativen zusammensetzt, zeigt der Chiton der Frau
mit der Keule auf der Vivenziovase F.-R. 34, bei der die Außenseite
Bündel hat, die Innenseite, für die man doch ebensolche annehmen muß,
einfache dichtgestellte Linien, offenbar damit sie als Hintergrund ruhiger
wirken sollte. Noch schlagender ist es am Chiton der Andromache der
Brygosschale zu sehen F.-R. 25, der abwechselnd am Überschlag und dem
Teil unter dem Giirtel gerade, am Kolpos und unterem sichtbar werdenden
Rand wellige Linien hat; letztere Verschiedenheit von außen und innen
ist in der Natur ganz unmöglich.

Man hat gemeint, die enggestellten Linien sollen nicht Falten geben,
sondern die Textur eines feinen Stoffes andeuten (Dickins, a. a. 0. 150;
auch Furtwängler, Einführ. i. d. griech. Kunst, Dtsch. Rundschau XXXIV
No. 6, 376 scheint dieser Ansicht gewesen zu sein). Ich halte dies für
falsch, denn die Linien an den Knüpfungsstellen des Ärmels bei der Hera
und die des Mittelbtindels bei dem frühen Figürchen Exc. at Ephesus
Taf. XXI No. 3 geben sicher Falten.

Eine andere Frage ist, ob die Fältelung nur eine Stilisierung der
bildenden Kunst ist, oder auch im Leben künstlich gefältelte Gewänder
getragen wurden, wie z. B. Heuzey, a. a. 0. 21 und Helbig, Homer. Epos2
185 ff. annehmen; auch Studniczka, Altgriech. Tracht VII scheint zuzu-
stimmen, warnt aber mit Recht davor, die Formgebung der Kunst ohne
weiteres in die Wirklichkeit zu übersetzen (vgl. Jahrb. XXVI 1911, 174
A. 2). In Ägypten hat man sicher ‘Plissde’ hergestellt (v. Bissing, a. a. 0.
Taf. VI Text; Bonnet, a. a. O. 12, 38, 41 ff.), für die Höhe der ionischen
TQvifrj ist es sehr gut möglich. Für die Erkenntnis des Stils ist aber die
Frage gleichgültig, denn im bejahenden Falle wird ja die Fältelung nur
vom Atelier des Künstlers in die Schneiderstube zurückverlegt. In Mode
wie Kunst stellt sich in gleicher Weise das Stilgefiihl einer Epoche dar.
Lehrreich sind die Modellaufnahmen von Brown im Burlington Magazine
VIII 1908, 155 ff., 237 ff. Abb. 12, 17: der Cbiton wirft nicht mehr Falten
als der Peplos, beide weniger, als die Hestia hat. Um zahlreiche Falten
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