Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 47.1922

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Wilhelm Dörpfeld

Epos liegen müsse. Homer lehrt uns im Gegenteil, daß zu seiner Zeit
gerade die neuesten Ereignisse am liebsten gehört und daher auch von den
Sängern besungen werden. Unserem Dichter Homer, wann er auch gelebt
haben mag, lag ferner der Krieg um die stattliche Burg von Troja VI,
der doch unbedingt stattgefunden hat, jedenfalls viel näher, als die Zer-
störung einer kleinen Burg, die ein volles Jahrtausend früher erfolgt
war. An dieser einfachen und klaren Tatsache kann der Hinweis auf das
Nibelungenlied absolut nichts ändern.

Ganz unverständlich ist mir weiter Schuchhardts Satz im amtlichen
Führer (S. 19), daß die Mykenier, wenn ich Recht hätte und wenn die
VI. Schicht das lromerische Troja wäre, ihre eigene, von ihnen selbst ge-
gründete Burg zerstört haben würden. Ich kann mir solche Angaben über
die Griindung und Zerstörung von Troja VI nur durch den Umstand
erklären, daß Schuchhardt über diese Burg nicht genügend unterrichtet
ist, weil er selbst sie nicht gesehen hat. Aus meiner Beschreibung und aus
den Bildern und Plänen hätte er aber schon entnehmen können, daß
Troja VI keineswegs, wie er sagt, ‘in mykenischem Stile erbaut’ oder von
einem mykenischen Herrscher gegründet ist. Vielmehr unterscheidet es
sich in wesentlichen Punkten von den Palästen in Mykenai und Tiryns.
Die Bauart seiner Mauern, die Gestalt seines Grundrisses, die Art der
Fußböden, der Überzug der Mauern mit Stuck und ihre Ausstattung mit
Wandmalereien und endlich auch die Keramik sind in Troja vollkommen
anders als in den mykenischen Palästen Griechenlands. Das einzige, was
uns in Troja VI an die mykenische Kultur und Kunst erinnerte, waren
einzelne importierte mykenische Vasen, die neben der einheimischen ein-
farbigen Keramik gefunden wurden und der jüngeren mykenischen Zeit,
also der Zeit um 1200 vor Chr. angehören. Auch muß ich daran erinnern,
daß mein Mitarbeiter A. Brueckner in dem Abschnitt über die Geschichte
von Troja und Ilion (S. 550) mit Recht darauf hingewiesen hat, daß die
Wiederkehr derselben einheimischen Gefäßformen und Gefäßarten in den
Schichten von Troja II und VI eine sichere Gewähr dafür biete, daß der
Platz in diesen langen Zeiträumen im Besitze desselben Volkes geblieben
sein müsse, und daß dies, weil die fortlaufende Entwicklung bis in die Zeit
der Zerstörung der Burg durch die Achäer reiche, kein anderes als das
Volk der homerischen Troer gewesen sein könne. An ‘Mykenier’ und
iiberdies an einen Achäer Agamemnon als Erbauer der Burg Troja zu
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