Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 48.1923

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ERNST PFUHL

Fülle von ungemein lehrreichen Einblicken in den Hergang der
Formübertragung aus dem Orient und der anschließenden
griechischen Typenentwicklung haben dann die tief eingreifenden,
methodisch klaren Untersuchungen von Valentin Müller gebracht;
er ist auf den Iange vernachlässigten Wegen, die zuerst wieder
Poulsen energisch betreten hat, erfolgreich weitergegangen \
In diesem großen Zusammenhange zeigt sich, daß nicht nur
die Beschränkung auf Kreta und Ägypten, sondern auch die
auf die Monumentalplastik in die Irre führt: die Kleinkunst,
und zwar sicher zu einem erheblichen Teile die ostgriechische
Kleinkunst, hat ihr weitgehend vorgearbeitet. Die Elfenbein-
funde zumal in Ephesos und Sparta, neuerdings auch in Syrakus
nicht mehr vereinzelt, hat Rodenwaldt schon früher mit Recht
als bedeutsame Träger der Typenwanderung hervorgehoben
und mit den Elfenbeinarbeiten des frühen Mittelalters ver-

Arch. Anz. 1922, 168ff.)- Fraglich bleibt der Grad des ägyptischen An-
teils an der Durchbildung der dorischen Säule. Ini Kapitell ist das
kretisch-mykenische Erbe sicher, daher auch bei den Kanelluren wahr-
scheinlich. Ob es auch in Form und Proportion des Schaftes mitspielen
kann, hängt von dem Urteil darüber ab, ob auf dem Steatitrhyton von
Hagia Triada wirklich Säulen oder nur die Unterenden von Masten zu
sehen sind, wie Wolters annimmt (Springer I, 10.—12. Auflage, 113 f.).
Für die Deutung auf Säulen spricht entschieden, daß über den recht-
eckigen Kapitellen noch Sattelhölzer liegen, und daß in einer Sakral-
terrakotte über den Klotzkapitellen zylindrischer Säulen die gleichen
Rundhölzer liegen wie bei dem anderen Säulentypus am Löwentor
(BSA. VIII, 29; Winter 93, 5, vgl 11). Man wird also eine nach unten
verjüngte Säule mit rundem Kapitell und eine zylindrische oder nach
oben verjüngte von schwererer Form mit Klotzkapitell anzunehmen
haben. Wenn es auch Masthalter von rechteckiger Form gab, so ist
das nicht weiter merkwürdig. Solche schweren Säulen von Hallen mit
wagerechtem Erddach können sich sehr wohl bis ins VII. Jahrhundert
erhalten haben, und auch die leichte Säule braucht nicht nur an Kuppel-
gräbern die Jahrhunderte überlebt zu haben, wie Rodenwaldt annimmt.
Dagegen teile ich durchaus seine Meinung, daß der griechische Tempel
nicht von den monumentalen Megara der mykenischen Paläste, sondern
von der gleichen Urform wie diese abstammt. Auch in Tiryns scheint
ja nach Blegens Untersuchung kein dorischer Heratempel, sondern nur
ein spätmykenisches Haus in die Ruine des Palastes eingebaut worden
zu sein (Korakou Anhang).

1 A. M. XLVI 1921, 36 ff., vgl. den Überblick Arch. Anz. 1920, 16fL
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