Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 48.1923

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BEMERKUNGEN ZUR ARCHAISCHEN KUNST

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IV. Der schräge Mantel der archaischen Koren.

Das Schicksal der vielumstrittenen Frage des schrägen
Mantels in der neueren Literatur und die Erfahrungen des Lehr-
amtes veranlassen mich, hier eine möglichst kurze zusammen-
fassende Darstellung zu geben, obwohl die Frage seit einem
Menschenalter durch Kalkmanns meisterhafte Abhandlung zur
Tracht archaischer Gewandfiguren entschieden ist 1. Mit der
ihm eigenen Reife der Einsicht in rein künstlerische Fragen und
mit der unbeirrten Sicherheit seines wissenschaftlichen Denkens
hieit er sich frei von dem naiven, modern empfindenden Rea-
lismus der großen Mehrzahl seiner archäologischen Zeitgenossen;
er war in das Wesen des Stiles eingedrungen und vermochte
seine Sprache daher auch richtig zu übersetzen. Wie sonst
nur allzu oft, so ist er auch hier verkannt worden; die vor-
nehme Ruhe seines Ausdruckes wirkte nicht eindringlich genug,
um sich durchzusetzen 2. Da nun auch der verdiente und ein-

1 Arch. Jahrb. XI 1896, 19ff-, 30ff. Er anerkennt das Verdienst seines
Vorgängers Böhlau, Quaestiones de re vestiaria Graec. 44 ff.

2 Daß Kalkmanns Bestimmung des Stiles der Jünglingstatue von
Subiaco als frühklassisch auf archaischer Grundlage trotz Furtwänglers
und Bulles endlicher Zustimmung immer noch nicht allgemein durch-
gedrungen ist, daß immer noch spätere Ansätze als die Mitte des
V. Jahrhunderts laut werden, ist so arg, daß ich lieber keine Namen
nenne. Wir leben doch wirkljch nicht mehr im XIX. Jahrhundert, wo
die meisten Archäologen den Stil nur in Einzelheiten und in der Ober-
fläche sahen und auch über vollkommen greifbare Dinge vielfach nach
unbestimmten Gefiihlseindrücken urteilten. Als die Lieferung der
Glyptotheque Ny Carlsberg mit der Statue des sterbenden Niobiden er-
schien, blätterte sie Kalkmann mit mir durch. Bei dem Niobiden sagte
er kurz: ‘Nun werden es die Leute wöhl allmählich merken, daß der Jüng-
ling von Subiaco alt ist.’ Selber triumphierend darauf zurückzukommen,
entsprach seiner vornehmen Art nicht. Die neue Niobide vom Esquilin
hat er nicht mehr erlebt, ebensowenig Ed. Schmidts ausgezeichnete
Arbeit über den Knielauf (Münchner Studien zum Andenken an Furt-
wängler). Er hätte sonst wohl gesehen, daß auch er seiner realistischen
Zeit noch einen freilich unwesentlichen Tribut gezahlt hat, daß das
formale Schema auch hier keinen Lauf zu bedeuten braucht. Als ich
Theophil Klee, dem früh verstorbenen Verfasser der Dissertation Zur
Geschichte der gymnischen Agone, im Examen den Jüngling von Subiaco
vorlegte, hatte ich mit ihm dasselbe Erlebnis wie Kalkmann einst mit
Emil Waldmann. Klee hatte Archäologie mit Liebe und großem Ver-
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