Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 48.1923

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BEMERKUNGEN ZUR ARCHAISCHEN KUNST 153

konnte dafür nur die vom Mantel freigelassene Oberecke des
Chitons an Schulter, Brust und Arm. Eine Färbung des ganzen
Chitons oder des Mantels hätte den Grundsätzen der archai-
schen Marmorpolychromie widersprochen, und dazu wäre noch
die unmonumentale Zerreißung der * Formeinheit durch die
Farben gekommen; die Marmorplastik konnte hier nicht naiv
realistisch sein wie die Terrakottenbildnerei. Erst die früh-
klassische Marmorplastik ist wieder zu großen ruhigen Farb-
flächen zurückgekehrt und hat die zierliche Hellbuntheit des
reifen Archaismus ebenso abgelehnt wie seine zierlich durch-
gebildete ornamentale Formgebung. Kunst und Mode wandten
sich von dem künstlichen Manierismus einer verfeinerten Nai-
vität wieder zu der schlichten Größe des hohen Archaismus.
Aber was dort altertümliche Monumentalität von entschieden
architektonischer Haltung gewesen war, wurde nun in der großen
Wahrheitskunst der Olympiaskulpturen zum Ausdruck des Ein-
tritts in die Reifezeit des europäischen Geistes.

V. Zur Geschichte der altattischen Kunst.

Die Koren im schrägen Mantel gehören zu den auffälligsten
Erscheinungen unter den Werken der archaischen Kunst von
der Mitte des VI. Jahrhunderts an; die älteren Beispiele des
Typus sind spärlich und durch ihre einfache Stilisierung viel
weniger auffällig. Im Mittelpunkte des Interesses steht der
Massenfund von der Akropolis; er ist durch die Vielfältigkeit
seiner Stilformen zum Anlaß mannigfacher kunstgeschichtlicher
Hypothesen, ja zum eigentlichen Brennpunkt für die Erörterung
der Geschichte des ganzen reifen und späten Archaismus ge-
worden. Die Meinungen darüber gehen heute vielleicht mehr aus-
einander als je; denn gegen die seit dem Ende des XIX. Jahr-
hunderts in den Grundzügen gefestigte Ansicht von dem ent-
scheidenden Einfluß einer hochentwickelten, ja manieristisch
überfeinerten nesiotischen Marmorkunst auf die kraftvolle, aber
provinziell riickständige attische Kunst erhebt sich neuerdings
vielfach Widerspruch. In der Literatur ist er meines Wissens
noch nicht zu Worte gekommen; dort herrscht noch die alte
Anschauung, die einen ungemein verwickelten geschichtlichen
Hergang, ein vielfasriges organisches Wachstum mit den allzu
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