Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 50.1925

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DER GIGANTENGIEBEL ZU ATHEN.

(Hierzu Tafel I.)

Frisch von der Lese der Kontroverse zwischen Heberdey
und Schrader über die Komposition des Gigantengiebels zu
Athen 1 trat ich zufällig im Musee du Cinquantenaire zu Brüssel
vor die schöne Vase, deren Gigantenstreit bei Noel des Vergers
Taf. XXXVI ungenügend abgebildet ist, da die Insel, deren sich
Poseidon als Waffe bedient, vom Zeichner weggelassen wurde.
Durch die Giite des Herrn F. Mayence ging mir die Vorlage
fiir Tafel I zu, mit der Erlaubnis sie zu veröffentlichen, wofiir
ich hier meinen Dank sage 2.

Mich beriihrte zunächst stark die Übereinstimmung mit dem
Gigantengiebel, bei näherem Zusehen drängten sich jedoch
Unterschiede auf, die mit den bis jetzt als feststehend angenom-
menen Tatsachen nicht zusammengehen wollen. Schon immer
hatte ich Bedenken gehegt gegen die Vorlagerung des Giganten
vor die Athena, da es mir schien, daß diese Gruppe fiir einen
Giebel eine zu große Tiefe hätte. Auch die Giebelgruppen, in
denen alle Figuren, wie am Parthenon, oder die meisten, wie
am Zeustempel zu Olympia, als Rundwerke ausgearbeitet sind,
bleiben doch in ihrer Gesamtwirkung Hochreliefs und sind auch
als Hochreliefs gedacht. Und wo die Rekonstruktionsversuche,
wie das bei Olympia noch hie und da der Fall ist, eine Figur
zu weit vor die andere schieben, bin ich fest überzeugt, daß
das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.

So war ich denn ebenso überrascht wie erfreut, zu finden,
daß im Vasenbilde der Gigant, der mit dem erhaltenen Marmor
ebenso gut übereinstimmt wie die Athena, nicht von ihr, sondern
von Poseidon besiegt wird und sich also die Frage aufdrängte,
ob die beiden Figuren nicht ganz voneinander zu trennen seien.

1 Österr. Jahresh. XVIII 1915, 40; XIX/XX 1919,154, Beiblatt 329, 341

2 Musee de Ravestein Nr. 303 (204); ‘Syleusmaler’: Hoppin, Handb.
Redf. Vas. II 437 nr. 4; Beazley, Att. Vas. 160 nr. 5.
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