Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 50.1925

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ELFENBEINRELIEF AUS KLEINASIEN.

(Hierzu Tafel VII.)

In Hesiods von Askra Theogonie steht eine hymnosartige
Schilderung der Allmacht der Hekate (Vs. 411—452 Rzach), die
man lange Zeit ohne jeden Grund für ein orphisches Einschiebsel
angesehen hat 1. Sie verdient es aber, religionsgeschichtlich be-
trachtet zu werden; denn sie ist ein außerordentlich wichtiges
Dokument für die Art, wie ein frommer Grieche dem Glauben
an seine von ihm vor allen anderen verehrte Gottheit Aus-
druck gibt. Sie steht als ein solches Zeugnis aus archaischer
Zeit einzig da. Man darf auch nicht allzuviel durch Umstel-
lungen des überlieferten Textes bessern wollen 2. Es ist eben
archaische Poesie, nach meiner Ansicht sogar hesiodische 3;
denn man soll den alten Hesiod in seinem ganzen Wesen erst
zu verstehen suchen, ehe man seine gedankenreiche Dichtung
zertrümmert, die das Resultat unendlicher Grübelei und vieler
durchgewachter Nächte ist, die den Tag des Hellenentums er-
hellt haben.

Hekate, die in den homerischen Gedichten nirgends vor-
kommt, ist dem Boioter Hesiod Allgottheit, die große Herr-
scherin in Natur- und Menschenleben. Daß sie die eingeborene

1 E. Rohde, Psyche II5.6 82 Anm. 3 hat mit vollstem Recht gesagt:
‘Man sollte aber endlich einmal aufhören, diesen Hymnos auf Hekate
orphisch zu nennen. Das ist hier noch mehr als sonst nichts als eine
gedankenlose und sinnlose Redensart.’ Der Unfug, der mit dem Worte
‘orphisch’ auch noch heute getrieben wird, kann nicht genug bekämpft
werden. Auch vom ‘apollinischen’ und ‘dionysischen’ Menschen reden
die Leute am meisten, die nichts von griechischer Religion verstehen.
Diese modernen Schlagworte (auch der ‘gotische’ Mensch gehört wohl
dazu) sollte Jeder meiden, der wissenschaftlich denkt. Es ist nicht sehr
viel, was wir von der alten Orphik wissen; dies aber allerdings wertvoll
und bedeutend genug.

2 Ich bin geneigt, nur Goettlings Umstellung von Vs. 427 hinter
Vs. 425 als berechtigt anzuerkennen.

3 Religion der Griechen I 245ff. Ich freue mich, auch hier ganz
mit Joh. Geffcken, Hermes LXII 1927, 6 übereinzustimmen.
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