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Aus dieser Sehnsucht und aus der Frage heraus, ob denn Berlin
wirklich ganz neu, ob denn Berlin in der Tat eine Stadt ohne
Kulturstolz und ohne Kulturtradition sei, hat unsere Generation
begonnen, die Sünden der Väter wieder gutzumachen. Denn
wir mußten mit Staunen und immer wachsender Freude erkennen,
daß auch das Berliner Volkslied, wenn nur wirklich einmal nach
ihm gesucht wurde, zu klingen begann. Erneute Forschung, erneute
Liebe zu einer Stadt, die der Liebe ihrer Kinder länger und schmerz-
licher entbehren mußte als irgendeine andere Stadt, haben die
Berliner Kultur und Kunst wieder ausgegraben wie nur je eine
verschüttete Griechenstätte. Tiefer grabende Erkenntnis erfuhr
mit einem Male, daß Berlin und Brandenburg-Preußen nicht nur
nicht barbarisch außerhalb der allgemeinen deutschen Kultur ge-
standen hatten, sondern sie oft in einer höchst persönlichen Weise
beeinflußten. Ja, es hat Zeiten gegeben, in denen Berlin und
Preußen — das Werden der Hohenzollernschlösser auf der einen
Seite, der Berliner Realismus in Malerei und Plastik von der
2. Hälfte des 18. Jahrhunderts bis über Menzel hinaus auf der
anderen Seite legen dafür Zeugnis ab — einfach die Führung in
der deutschen Kunst an sich rissen und ihr in unvergeßlicher Weise
einen einfach starken Stil aufzwangen.
Wie konnte das alles so lange vergessen werden ? Die graziösen
und doch bürgerlichen Maler und Zeichner unseres preußischen
Rokoko, die Meister unseres bürgerlichen Bildnisses, die liebevollen
und kultivierten Schilderer unserer Straßen und Plätze, die humor-
vollen Betrachter unseres Volkslebens — wie kam es, daß die Welt-
stadt sich ihrer so lange nicht erinnerte, ja so gut wie nichts von
ihnen wußte? Nur die ganz besondere Natur des Berliners, die der
Neuberliner womöglich noch in einem verstärkten Grade geerbt
hat, vermag dieses Vorübergehen an Werten zu erklären, auf die
jede andere Stadt der Welt jederzeit einen berechtigten Stolz be-
wiesen hätte. Heinrich Heine hat den Berliner am treffendsten
charakterisiert, als er in seiner Reise von München nach Genua
von ihm sagte: „Keine Stadt hat weniger Lokalpatriotismus als
Berlin. Tausend miserable Schriftsteller haben Berlin schon in
Prosa und Versen gefeiert, und es hat in Berlin kein Hahn danach
KATALOG VON AMSLER & RUTHARDT BERLIN W 8
Aus dieser Sehnsucht und aus der Frage heraus, ob denn Berlin
wirklich ganz neu, ob denn Berlin in der Tat eine Stadt ohne
Kulturstolz und ohne Kulturtradition sei, hat unsere Generation
begonnen, die Sünden der Väter wieder gutzumachen. Denn
wir mußten mit Staunen und immer wachsender Freude erkennen,
daß auch das Berliner Volkslied, wenn nur wirklich einmal nach
ihm gesucht wurde, zu klingen begann. Erneute Forschung, erneute
Liebe zu einer Stadt, die der Liebe ihrer Kinder länger und schmerz-
licher entbehren mußte als irgendeine andere Stadt, haben die
Berliner Kultur und Kunst wieder ausgegraben wie nur je eine
verschüttete Griechenstätte. Tiefer grabende Erkenntnis erfuhr
mit einem Male, daß Berlin und Brandenburg-Preußen nicht nur
nicht barbarisch außerhalb der allgemeinen deutschen Kultur ge-
standen hatten, sondern sie oft in einer höchst persönlichen Weise
beeinflußten. Ja, es hat Zeiten gegeben, in denen Berlin und
Preußen — das Werden der Hohenzollernschlösser auf der einen
Seite, der Berliner Realismus in Malerei und Plastik von der
2. Hälfte des 18. Jahrhunderts bis über Menzel hinaus auf der
anderen Seite legen dafür Zeugnis ab — einfach die Führung in
der deutschen Kunst an sich rissen und ihr in unvergeßlicher Weise
einen einfach starken Stil aufzwangen.
Wie konnte das alles so lange vergessen werden ? Die graziösen
und doch bürgerlichen Maler und Zeichner unseres preußischen
Rokoko, die Meister unseres bürgerlichen Bildnisses, die liebevollen
und kultivierten Schilderer unserer Straßen und Plätze, die humor-
vollen Betrachter unseres Volkslebens — wie kam es, daß die Welt-
stadt sich ihrer so lange nicht erinnerte, ja so gut wie nichts von
ihnen wußte? Nur die ganz besondere Natur des Berliners, die der
Neuberliner womöglich noch in einem verstärkten Grade geerbt
hat, vermag dieses Vorübergehen an Werten zu erklären, auf die
jede andere Stadt der Welt jederzeit einen berechtigten Stolz be-
wiesen hätte. Heinrich Heine hat den Berliner am treffendsten
charakterisiert, als er in seiner Reise von München nach Genua
von ihm sagte: „Keine Stadt hat weniger Lokalpatriotismus als
Berlin. Tausend miserable Schriftsteller haben Berlin schon in
Prosa und Versen gefeiert, und es hat in Berlin kein Hahn danach
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