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Verein für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung [Editor]
Annalen des Vereins für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung — 11.1871

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III. Geheimerath von Gerning
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https://doi.org/10.11588/diglit.62284#0198
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durch seine „Taunusopfer“, ganze Kisten Mirabellen, Kastanien, Wein
u. s. w. seinen Weimarer Freunden zusandte, so werden diese wol nicht
so unbescheiden gewesen sein, ihm auch noch die Frachtzahlung für diese
Geschenke zuzumuthen. Gerning liess, sagt Düntzer, seine „Reise durch
Italien und Oestreich“ und seine „Säcularode“ durch Herder und Knebel
„zustutzen.“ Dies kann ihm nicht zum Vorwürfe gemacht werden, gibt viel-
mehr von seiner Bescheidenheit Zeugniss. In Herder und Knebel, die
um ein Vierteljahrhundert älter waren, erkannte der junge, strebsame
Mann seine Lehrer und ihrem Urtheile unterbreitete er die ersten
Früchte seines Talentes; indem er willig änderte und strich, wo sie einen
Tadel aussprachen. Wären Gerning’s Leistungen ganz werthlos ge-
wesen , wie hätten dann Herder’s und Knebel’s Verbesserungen ihnen
eine Gestalt zu geben vermocht, in welcher sie wirklich den Beifall
competenter Beurtheiler fanden? Ganz unverdient ist endlich der Vor-
wurf, dass Gerning seiner Vaterstadt Frankfurt „gegrollt“ habe. Er
tadelte manches in der Verwaltung dortiger Kunstanstalten; für seine
Vaterstadt selbst aber bewahrte er stets die wärmste Anhänglichkeit und
Liebe, was für Niemanden, der mit seinem Leben und Wirken näher
bekannt ist, eines Beweises bedürfen wird.
Gerning ist von Düntzer allzusehr herabgedrückt, von seinen seit-
herigen Biographen dagegen auf ein zu hohes Piedestal emporgehoben wor-
den. Die Wahrheit liegt auch hier in der Mitte, und wir hoffen diesem
Manne völlig gerecht zu werden, wenn wir unser über denselben gewonnenes
Urtheil in Folgendem kurz zusammenfassen. Gerning war weder ein
genialer Kopf, noch ein grosser Gelehrter; auch besass er nicht eine
so lebhafte und schöpferische Phantasie, um ein wahrer Dichter werden
zu können, und die Literatur würde nicht viel verloren haben, wenn er
seiner Gelegenheitsdichtung, in welcher er unerschöpflich und unermüd-
lich war, entsagt hätte. Dagegen besass er sehr glückliche Naturan-
lagen, vielseitige und nicht ungründliche Bildung, namentlich sehr
umfassende Sprachkenntnisse ; und war von dem lebhaftesten Wissens-
drange erfüllt, für dessen Befriedigung er keine Mühe und keine Opfer
scheute. Wäre er auch nur blosser Sammler gewesen, so würde sein
Verdienst schon ein grosses gewesen sein, da er zu den Männern gehörte,
welche in einer Zeit, wo die Verschleppung von Denkmälern der Kunst
und des Alterthums an der Tagesordnung war, diese Gegenstände dem
deutschen Vaterlande zu erhalten oder für dasselbe zu erwerben eifrig
bestrebt war; er war aber auf diesem Gebiete keineswegs blosser Dilettant,
besass vielmehr als Kunstkenner einen geübten Blick und war ein ge-
wandter Nachbildner classischer Dichterwerke, wie er sich auch durch
seine „Heilquellen .am Taunus“ ein bleibendes poetisches Verdienst un-
bestreitbar erworben hat. Besonders schätzenswerth wird er uns durch
seine begeisterte und treue Liebe zum deutschen Vaterlande, welche
 
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