Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 11.1895

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Tafel 77. Katholische Stadtpfarrkirche zu St. Anna am
Lehel in München; erbaut von Professor Gabriel Seidl daselbst.
2. Marienaltar und Hauptaltar. (Siehe auch Tafel 1.)
Von besonderer Schönheit ist der Hauptaltar in der Form
eines frühchristlichen Ciborienaltars. Die vier Säulen des Baldachins,
sowie die Stufen und die Mensa be-
stehen aus einem stark geäderten weissen
Marmor (Piastraccia), letztere mit farbigen
Marmoreinlagen geschmückt. Die Kuppel
und die an den Ecken befindlichen vier
Evangelisten sind vergoldet. Die kleinen
Säulchen der Laterne sind wieder Pia-
straccia-Marmor, der Fries grünlich
(Campan vert) und die pyramiden-
förmige Abdeckung weiss (bianco chiaro).
Das Ganze ein Werk von vorzüg-
licher Wirkung und Farbenstimmung.
Die Marmorarbeit lieferte die „Aktien-
gesellschaft für Marmorindustrie Kiefer“
in Kiefersfelden.
Der kleinere Marienaltar steht in
der als Rosenlaube stilvoll ausgemalten
nördlichen Chorabside und wurde in Kehl-
heimer Marmor von C. A. Lang eben-
dort geliefert. Die Madonna und der
Chor der musizierenden Engel sind zart
polychromiert; am Thron der Maria be-
finden sich verschiedenfarbige Ein- und
Auflagen von feinen Marmorsorten aus
Kiefersfelden. Der figürliche Schmuck
an beiden Altären ist von Bildhauer Pruska modelliert, ausgeführt
von Bildhauer Weigl, beide in München.
Tafel 78. Empfangsgebäude für den Bahnhof in Bukarest
von Professor Georg Frentzen in Aachen.
Im Programm des dem Entwurf zu Grunde liegenden Wett-

bewerbes war eine Höhenlage der Geleise von 8 m über dem
Strassenniveau vorgesehen. Daraus ergibt sich die Teilung des
Gebäudes in zwei Geschosse mit durchgehenden Vestibülen und
Treppenhäusern. Das untere Geschoss enthält im Vorderbau die
Fahrkartenschalter, die Gepäckabfertigung und Aufbewahrung,
sowie eine Reihe von Bedürfnisneben-
räumen; in den Seitenflügeln befinden
sich Betriebswerkstätten und Magazine.
Im Obergeschoss liegen nach vorn die
Wartesäle und in den Seitenflügeln Räume
für den Stationsdienst und die Verwaltung.
Abgeschlossen werden die Seitenflügel
nach der Halleneinfahrtseite einerseits
durch einen Pavillon für hohe Herr-
schaften, andrerseits durch ein Postamts-
gebäude.
Tafel 79. Turm und Giebel der
Johanniskirche in München. — Der alte
Peter in München. Aufgenommen von
Architekt M. Dülfer daselbst.
Tafel 80. Entwurf zum Leopold-
städter Kasino in Budapest von Kann
& Vidor, Architekten daselbst.
Für die Erstellung des Bauwerks
waren 250000 fl. vorgesehen. — Im
Parterre ist ein Cafe - Restaurant an-
geordnet, dessen Spiel- und Speisesäle
im Zwischengeschoss liegen. Die Gesell-
schaftsräume des Kasinos sind im ersten,
die Spielsäle desselben im zweiten Stock.
Der grosse Tanzsaal kann samt Nebenlokalitäten abgetrennt und an
fremde Gesellschaften vermietet werden. Bei grösseren Festlich-
keiten können die Restaurationsräume des Zwischengeschosses mit-
benutzt werden. In letzterem sind die Garderoben untergebracht,
während die Baderäume für Kasinomitglieder im zweiten Stock liegen.



Grundriss des Posthauses für die Sebalder Stadtseite in
Nürnberg; erbaut vom kgl. Bauamtmann Förster daselbst.



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Grundrisse des Entwurfs zum Leopoldstädter Kasino in Budapest von Kann

& Vidor, Architekten daselbst.

L itteratur.
Allgemeine Geschichte der bildenden Künste von Prof. Dr. Alwin
Schultz. Mit vielen Textillustrationen, Tafeln und Farbendrucken.
4 Bände; in etwa 30 Lieferungen ä 2 Mark erscheinend; vollständig
in 20 — 24 Monaten. Verlag der G. Grote’schen Verlagsbuchhandlung
Separat-Conto (Müller-Grote & Baumgärtei) in Berlin.
Neben den vorhandenen »Leitfaden« und »Grundrissen« hat es bisher
an einer zusammenfassenden, auf wissenschaftlicher Grundlage beruhenden,
aber für alle Kunstfreunde geschriebenen, eingehenden Darstellung der
Entwickelung der bildenden Künste fühlbar gefehlt. Der durch seine
kunsthistorischen Arbeiten in den weitesten Kreisen beliebte Gelehrte,
Professor Alwin Schultz, bietet nun in seinem jetzt erscheinenden Haupt-
werk ein höchst zeitgemässes Werk, in welchem er die reichen Ergebnisse
der kunsthistorischen Forschung der neuesten Zeit zusammengefasst hat zu
einer klar und geschmackvoll ausgearbeiteten vollständigen Darstellung des
Entwickelungsganges der bildenden Künste von den ältesten Zeiten der
Aegypter bis herab auf die »Modernen« unserer Gegenwart. Der Gelehrte
hat hier weniger für seine Berufsgenossen, als vielmehr für alle Kreise
des gebildeten und Bildung erstrebenden Publikums gearbeitet; am Familien-
tisch soll sein Werk benutzt werden und zu lebendig förderndem Wirken
gelangen.
Diese neue allgemeine Kunstgeschichte enthält eine umfassende,
glänzende, künstlerische Illustration, in der sich das gesamte Kunstschaffen

aller kunstpflegenden Völker in reicher Fülle der Beispiele interessant und
wirkungsvoll abspiegelt. Ein Blick in die vorliegenden vier Lieferungen
lässt nicht darüber im Zweifel, dass diese Aufgabe glücklich durchgeführt
werde. Die vortrefflichen Tafeln und Textbilder gewähren eine An-
schauung der dargestellten Kunstwerke, die zu bilden und zu erfreuen
vollkommen geeignet ist. Daher wird sich denn diese neue »Allgemeine
Kunstgeschichte« jedem Gebildeten bald unentbehrlich machen. Sie will
den Kunstsinn pflegen, die Freude am Schönen und an den über die
Alltagswelt erhebenden Kunstwerken fördern; sie will dem Bedürfnis des
Publikums dienen, das ein intimeres Verhältnis zu den bildenden Künsten
erstrebt, wie das der Zug unserer Zeit, in der die bildende Kunst immer
mehr an praktischer Bedeutung gewinnt, mit sich bringt. Ein solcher
Plan, mit so reicher Kraft, wie der Anfang zeigt, durchgeführt, verdient
überall die beste Aufnahme.
Kunstbeiträge aus Steiermark. Blätter für Bau- und Kunstgewerbe.
Herausgegeben und redigiert von Prof. Karl Lacher in Graz. Zweiter
Jahrgang. Frankfurt a. M. Verlag von Heinrich Keller. 1894.
Was der erste Jahrgang versprochen, hält der zweite in vollem
Masse. Je zwei der acht Tafeln eines jeden Heftes sind modernen Arbeiten
gewidmet, alle übrigen Blätter enthalten Aufnahmen mustergültiger alter
Stücke aus den öffentlichen und Privatmuseen der Steiermark, welche neben
andern Vorzügen auch den besitzen, dass sie noch nicht so allgemein be-
kannt und nicht schon dutzendemal veröffentlicht sind.

Für die Redaktion verantwortlich Baurat Carl Weigle in Stuttgart.
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