Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 23.1907

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1907

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 6

gewendet. Wenn trotzdem die Wirkungen nicht immer dem
Wollen entsprechen, so liegt es an der unvollkommenen Er-
kenntnis der Mittel, die einem Raum den Stempel künstle-
rischen Werts aufdrücken. Betrachten wir diese Mittel genauer.
Die erste Disposition, die der Architekt zu treffen hat,
befaßt sich mit der durch Zweck und Bedürfnis bestimmten,
absoluten Größe der Räume. Diese gibt die Grundlage für
deren Anordnung, Form und Verhältnisse. Auf den ersten
Blick scheint diese erste Aufgabe ziemlich einfach; man denkt
sie mit den Normalmaßen, die uns die Erfahrung an die Hand
gibt, lösen zu können. Das führt zum Schema F. Vielmehr
muß der Architekt seine Arbeit immer wieder als neue Auf-
gabe behandeln, neuen Gesichtspunkten, neuen, individuellen
Bedürfnissen gerecht zu werden suchen. Dazu gehört ein
feiner Sinn nicht nur für unsre praktischen, sondern auch für
unsre geistigen Bedürfnisse, gehört Kenntnis des menschlichen
Innenlebens. Der Künstler muß selber fühlen, daß die Woh-
nung nicht ein bloßer Aufenthaltsort, sondern eine Stätte wohl-
tuender Ruhe und behaglichen Zusammenlebens, eine Gelegen-
heit guter Anregungen sein soll. Der Künstler ist Erzieher,
seine Werke sollen das ästhetische Empfinden fördern. Ist
die Wohnung, als beständiger Aufenthaltsort der Familie, nicht
am besten geeignet, diese Aufgabe zu erfüllen?
❖ *
Das Stiefkind unsrer Innenkunst ist das gewöhnliche
Miethaus. Selbst bei sorgfältiger künstlerischer Ausführung
wird seine innere Ausstattung nicht das werden, was im
Einzelwohnhaus durch die gemeinsame Arbeit des Architekten
und des Bauherrn entsteht. Sie wird nie allen Bedürfnissen
der Bewohner genügen; hier aber kann den Bedürfnissen und
Gewohnheiten des Bauherrn wie dem künstlerischen Gefühl
des Architekten Rechnung getragen werden. Man sagt des-
halb, der Künstler müsse mit den Bräuchen, dem Familien-

leben und den Anschauungen des Bauherrn vertraut sein, um
ein vollkommenes Heim schaffen zu können. Das mag wahr
sein; vorausgesetzt, daß der Bauherr künstlerisch zu emp-
finden, und der Künstler auf das Gemütsleben des Bauherrn
einzugehen vermag.
Wir kommen zur zweiten Frage: zur Form der Räume.
Für einfachere Räume, für Wohn-, Eß- und Schlafzimmer
bleibt das Rechteck die geeignetste Grundform. Geeignet,
weil sie einerseits den praktischen Bedürfnissen, namentlich
der Möblierung trefflich genügt, andererseits der einfachen Form
wegen eine ruhige, wohltuende Raumgestaltung ermöglicht. Es
versteht sich von selber, daß Ein- und Ausbauten, Nischen,
Erker u. dgl. wenn sie nicht gesucht, sondern mit künstle-
rischem Takt angewendet werden, diese Ruhe nicht stören,
sondern angenehm unterbrechen, ja sogar durch Kontrast-
wirkung steigern können. Reichere Grundformen stehen dem
Architekten zu Gebot, wenn es sich um besonderen Zwecken
dienende Räume, wie Musikzimmer, Herrenzimmer, Dielen,
Billardzimmer, oder gar um Versammlungsräume öffentlichen
Charakters handelt. Da treten neben die Form des Rechtecks,
das auch hier fast ausnahmslos eine gute Grundform bildet,
die Form des durch Halbkreis oder Polygon abgeschlossenen
Rechtecks, die Ellipse, die mannigfachen Formen kombinierter
Rechtecke, seltener die Kreisform und das Polygon. An Reich-
haltigkeit der Grundformen fehlt es also nicht. Um so schwie-
riger wird es dem Architekten, die in jedem besonderen Falle
den praktischen und künstlerischen Anforderungen zugleich
genügende Form zu finden. Ziehen wir ferner in Betracht,
daß uns auch, was die Form und Art der Raumabdeckung
anbelangt, eine große Mannigfaltigkeit offen steht, so sehen
wir, daß die Raumgestaltung der Phantasie des Künstlers fast
unbegrenzten Spielraum gewährt. Ich glaube die vornehmste
Aufgabe liegt auch hier im Streben nach Zweckmäßigkeit,


Wohnhaus des Herrn J. Mühsam in Berlin, Ulmenstraße 3.
5. Eingang.

Architekten: Hart & Lesser in Berlin.

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