Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 23.1907

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1907

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 7

Friedrichs-Realgymnasium. Architekt: Stadtbaurat Ludwig Hoffmann.
Direktorwohnhaus in der Schleiermacherstraße. Bildhauer: Josef Rauch.


Die Gärten des Alkazar von Sevilla.

evilla gehört zu den ältesten Niederlassungen der Phönizier; sie
nannten den Ort nach seiner Lage an den flachen Ufern des
Stromes, dessen Mündung damals der Meeresküste viel näher
lag als heute, Sephela — die Niederung. Unter römischer Herr-
schaft hieß die Siedlung Hispalis, später Julia Romula; unter den Goten
und Vandalen war sie die Hauptstadt Südspaniens und unter den Mauren
als Ischbilijah königliche Residenz, bis endlich die Kastilier sie zur Haupt-
stadt der Provinz Sevilla machten. Wohl zerstörten Nordmannen auf
ihren Wikingerfahrten gründlich, was im Altertum an prächtigen Bauten:
turmbewehrten Mauern, Tempeln und Palästen geschaffen war, aber noch
heute stehen die stolzen Reste dieser und der Bauten maurischer und
spanischer Schöpfung: die uralte hohe Ringmauer mit ihren unzähligen
Zinnen und mächtigen flankierenden Türmen, darunter am Ufer des
Guadalquivir die Torre del Oro, der Turm des Goldes, wo Peter der Grau-
same seine Schätze verwahrte, und die Torre de la Plata, der Turm des
Silbers; noch steht die prächtige Giralda, der fast 100 m hohe viereckige


altmaurischen Schlosses, des Kasr*), als Königspalast erbaute und Karl V.
mit jenen weltberühmten Gärten schmückte, die alle ähnlichen Schöpfungen
maurisch-spanischer Herkunft weit übertreffen.
Ist es da zu verwundern, wenn man in Spanien die Copla singt
Qui non ha vista a Sevilla
Non ha vista maravilla
»Wer Sevilla nicht gesehen, hat ein Wunder nicht gesehen!«
Auch Granada, Toledo und Cordova haben ihre Alkazare, herrliche
Schlösser und Paläste wie in Granada die Alhambra, mit königlich ausge-
statteten Gärten, aber die Gärten des Alkazar von Sevilla überragen sie an
Pracht und Eigenart, an Größe und kunstvoller Ausbildung, an üppiger
Schönheit der Pflanzenwelt, besonders aber an reicher Fülle des überall
springenden und rieselnden Wassers, das in den sonnendurchglühten, dürren
südlichen Ländern das wichtigste Erfordernis des Gartens ist, der namentlich
des Wasserspiels wegen, wenn irgend möglich, an mehr oder minder steil
geböschter Berglehne in Terrassen angelegt wird, und so ist denn auch
dem Andalusier ein Garten ohne Wasser geradezu Teufelswerk; zur Gitarre
singt er die Copla:
Ein Garten ohne Wasser,
Ein Säufer und Prasser
Und keifender Weiber giftige Zungen
Sind dem Teufel wohlgelungen.
Wasser und Schatten, kühlende Frische, Blütenduft und Palmen
rauschen, an hellen Marmorwänden dunkles Laub der Orangen, schlanke
Säulen und schattige Wandelhallen, weiträumige Loggien, schwere Gitter
zwischen reich verzierten Pfeilern und Portalen, geradlinige dunkle Hecken,
auf den Wegen bunte Fliesen, an den Wänden Azulejos mit ihren an
nordische Motive erinnernden verschlungenen Linien und phantastischen
Mustern, überall Glanz und Farbenpracht zwischen dem tief dunklen Grün
des zum Schutz vor der brennenden Sonne lederartig fest gewordenen glän-
zenden Laubwerks; all dies wirkt vereint zur Erzeugung des unvergeßlichen
Eindrucks, den der Besuch des Alkazar und seiner Gärten hinterläßt. Dazu
kommt auf Schritt und Tritt die Erinnerung an die verschwenderische Pracht
und den leuchtenden Glanz der üppigen Hofhaltung der Kalifen und ihrer Nach-
fahren, der sehr christlichen Könige von Kastilien und Aragon. Bezeichnend
für die Prachtliebe der Kalifen ist die Überlieferung, nach der Abdur-
rahman III. in den Gärten bei Cordova, weil ihm das glitzernde Spiel der
Sonnenstrahlen im Schauen der Springbrunnen nicht genügte, in ihrer
Mitte eine hoch springende Fontäne mit Quecksilber speisen ließ, deren
im Sonnenlicht blendenden Glanz das Auge kaum zu ertragen vermochte.
Die an der südöstlichen Grenze von Sevilla gelegenen Gärten des
Alkazar dehnten sich früher viel weiter aus; sie reichten bis an die Ufer des
Guadalquivir. Jetzt werden sie (s. Skizze S. 59) an der Nordseite vom Palast
des Alkazar, längs dessen Untergeschoß sich als Terrasse das »Parterre der
Maria von Padilla« erstreckt, fast rechtwinklig dazu an der Ostseite von der
an 150 m langen »Galerie Don Pedros I.«, genannt Pedro der Grausame**),
begrenzt und bilden ein unregelmäßiges Dreieck, dessen dritte gebrochene
Seite vom Gartenhaus am südwärts gelegenen Ende der Galerie Don Pedros
sich über das Bad Johannas der Wahnsinnigen***) nach dem Labyrinth Karls V.
hinzieht. An dieser Seite gehen die Gärten in einen Hain von Zitronen-
und Orangenbäumen über und in Anpflanzungen südlicher Fruchtbäume,
vornehmlich Zitronen und Orangen, Mandeln, Feigen u. dgl. Diese aus-
gedehnten Fruchtgärten ziehen sich auch an der Rückseite der Galerie
Don Pedros entlang. Die hohe Abschlußmauer dieser südwestlichen Seite
überragt, den Horizont begrenzend, das lange Gebäude der weltberühmten
Tabakfabrik, die an 5000 Arbeiterinnen, die bekannten Cigarreras, beschäftigt,
und hinter der Fabrik liegt der Palast von Santelmo, dessen köstliche Park-
und Gartenanlagen sich bis an die Ufer des Guadalquivir ausdehnen.
Wendet der Blick sich rückwärts, in der Richtung nach Norden, so steigt
*) Arabisch al Kasr, das Schloß.
**) Genannt der Grausame, weil er die Ermordung der ihm heimlich angetrauten Ines
de Castro blutig rächte. Seine Regierung war mild und friedlich.
•’•) Mutter Kaiser Karl V. Die Trauer um den Tod ihres Gatten, Philipp des Schönen,
ließ sie in Wahnsinn verfallen.

Maurenturm, dessen in langen senkrechten
Streifen gefurchte Seitenwände mit buntem
Ziegelwerk bekleidet im Licht der heißen
südspanischen Sonne glitzern und funkeln,
dessen mit schlanken Türmchen bekröntes
Obergeschoß, in unzählige Spitzen auf-
gelöst, in sieghafter Schönheit Sevilla hoch
überragt, ein Wunderwerk, von dem die
Legende erzählt, daß, als die Erde bebte
und ringsumher die Mauern wankten und
stürzten, die Schutzheiligen der Stadt Se-
villa, Sta. Justa und Rufina, das ganze
Bauwerk in die Höhe hoben, um es vor
der Zerstörung zu behüten. Noch sind
in den dem Bedürfnis des heißen Südens
angepaßten engen und kühlen Straßen die
alten Palacios erhalten, die maurischen
Paläste mit flachem Dach und geräumigen,
von Säulenhallen eingeschlossenen, mit
Blumen und Palmen geschmückten, vom
Wasser der Marmorbecken und Spring-
brunnen erfrischten und gekühlten stillen
Gartenhöfen; noch steht die altberühmte,
der heiligen Jungfrau geweihte Kathedrale,
die größer ist als St. Peter in Rom, er-
richtet von den Kastiliern auf dem Unter-
bau der in den Kämpfen um die Stadt
zerstörten prächtigen Hauptmoschee des
Königs Jakub Almansur aus dem Hause
der Almoraviden. Doch alles übertrifft der
Alkazar, die herrliche Residenz, die Peter
der Grausame auf der Stelle des früheren

Gärten des Alkazar in Sevilla. — Gesamtansicht.


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