Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 23.1907

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1907

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 9

Weinrestaurant »Rheingold« inBerlin. Architekt: Professor Dr.-Ing. Bruno Schmitz in Charlottenburg.
Fassade an der Bellevuestraße.


Der Turm.
Eine Betrachtung von Conrad Sutter*).

das Bild meiner frühesten Erinnerungen ragen ein
Kj paar Türme hinein. Täglich stand mir der Turmberg
bei Durlach vor Augen, den man von der Karlsruher
Wohnung aus sehen konnte, und ich entsinne mich noch
deutlich des Tages, an dem der kindliche Wunsch in Erfüllung
ging und ich an der Hand des großen Bruders in heißem
Sonnenbrand die ungezählten Bergstaffeln hinaufkletterte, um
den alten, mir riesig erscheinenden Römerturm endlich in der
Nähe zu sehen.
In seinem Schatten habe ich noch oft gesessen und in
die Lande hinausgeschaut, er ist mir heute noch der Freund
aus der Kinderzeit. Dann sind es die Türme der Stadtkirche
und des Rathauses gewesen, die Weinbrenner als Wahrzeichen
der Stadt errichtete, zwischen denen mich der Weg zu den
*) Diese Betrachtung ist als eine von den Illustrationen unabhängige
Arbeit aufzufassen. Waren die in den Mappen der Redaktion angesammel-
ten Turmbilder auch die Veranlassung meiner Arbeit, so wollte ich doch
die trefflichen Darstellungen für sich selbst sprechen lassen und hielt es
dem fachmännischen Leser gegenüber nicht für angezeigt, dazu die Er-
läuterungen zu geben und gewissermaßen den Text zu den Bildern zu
schreiben. Diese reizvollen Bilder, die ich als einen besonderen Schmuck
meiner Zeilen dankbar aufnehme, mögen dem Leser Veranlassung sein,
seine eigenen Gedanken über das Thema auszuspinnen, das ich in freier,
zwangloser Form hier behandle und womit ich nichts andres beabsichtige,
als einen Beitrag zur rein künstlerischen Auffassung der Baukunst zu liefern.
Erwähne ich schließlich neuzeitliche Meister bezw. ihre Werke, die hier
abgebildet sind, so liegt die Begründung dafür in dem Fazit, das wir aus
den in die Betrachtung gestellten Faktoren für uns selbst, für unsre eigene
Kunst ziehen wollen. Der Verfasser.

Großeltern und dann auch zur Schule führte und die mir einen
unauslöschlichen Eindruck machten. Ihre Stärke und impo-
nierende Größe ließ mich ehrfürchtig zu ihnen aufschauen,
aber bald waren gute Beziehungen angebahnt, und sie dankten
dem kleinen Freund und Bewunderer, indem sie ihm Halt und
Richtung gaben bei dem Geschäft, die Wege der Stadt kennen
und überallher den Heimweg finden zu lernen. Stets stellte
sich auch in späteren Jahren — selbsttätig — das Bild der
etwas nüchternen Gesellen ein, wenn ich der Heimat gedachte.
Die Türme also waren die ersten Eindrücke, die die Archi-
tektur dem unbewußten Kinde machte. Warum auch sollen
Türme nicht imponieren; sind sie nicht im realen Leben kon-
gruente Erscheinungen zu den Riesen im Märchenleben? Sie
stehen gewissermaßen außerhalb der Dinge, haben ihr be-
sonderes Maß, das dem sonst üblichen überlegen ist; sie über-
ragen das niedrige Treiben, das sich zu ihren Füßen abspielt,
»turmhoch«. Sie sind über alles Kleinliche, an der Erde
Haftende, erhaben.
Vereinzelt, wie alle mächtigen Erscheinungen, erheben sie
sich da und dort über den Dunstkreis des Menschlichen weit
hinaus in die reine Luft. Zu ihnen aufschauend lassen wir
unsre Gedanken mit hinaufsteigen und die Phantasie umkreist
sie, wie die um sie spielenden Schwalben, und läßt sie als be-
sondere Wesen erscheinen. Sie sind uns nicht mehr seelenlose
Steinmassen; sie messen uns mit tönender Stimme die uns
zukommenden Bruchteile der ewigen Zeit; unser Leid deckt

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