Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 23.1907

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1907

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 10


Turm umzog, gierig auf eine Taube des zünftigen Mannes zu
stoßen, dem der Rat der Stadt diesen schönen Wohnsitz ver-
liehen hatte. Wie herrlich lag die Erde sonnenbeschienen tief
unter ihm, fern, wo die Berge sich neigten, blinkte silbern das
Band des Stromes; nun liefen Wolkenschatten über die grünen
Wiesen und die eben noch golden leuchtenden, erntereifen
Felder. Der Alte liebte das Bild, das sich nun weit gebreitet
vor ihm aufrollte, auch wenn Wetterschauer es einhüllten, und
er liebte das starke Bauwerk, das seiner Obhut anvertraut
war; ihm war die Pflicht seiner Erhaltung keine Bürde. Sein
Torhaus flankierten zwei runde Seitentürme, eine gedeckte
Laube verband im ersten Stockwerk über dem Torbogen die
beiden auf der Vorderseite, und umzog das Gebäude auf der
Stadtseite. Über drei hohen, mit Maßwerk gezierten Spitz-
bogenfenstern war, ebenfalls auf der Stadtseite des zweiten
Stockwerkes, das Stadtwappen aufgemalt. Das dritte Stock-
werk hatte eine Uhr. Die Seitentürme endigten in von Zinnen
umgebenen Plattformen, der Mittelbau hatte ein hohes Dach,
das von einem Glockentürmchen bekrönt war. Unter dem
Dach lief, auf einem vorgekragten Bogenfries, eine offene
Galerie mit reicher Maßwerkbrüstung. Das schöne Portal
war aus kunstvoll bearbeiteten Steinquadern gefügt. Diesem
Torturm war ein Vorwerk vorgelagert; zwischen zwei runden
Türmen war das Fallgatter angebracht, und die Anlage war
durch sogen. Ravelins verstärkt. Über Zugbrücken wurde
vom Torturm aus nach außen und innen der Verkehr ver-
mittelt; nach der Stadtseite zu folgte ein zweites, kleineres,
inneres Tor, durch welches die Straße führte. So war das
Ganze sowohl ein festes Bollwerk wie eine malerische Bau-
gruppe, welche vom hohen Torturm beherrscht war. Gerade
dort brach sich der Mauerzug der Stadtbefestigung in scharfem
Winkel, so daß der Torbau gewissermaßen als ein etwas vor-
geschobenes und besonders wichtiges Festungswerk die starke
Anlage erforderte und dadurch gleichzeitig sein Bild vielfach
und die Umgebung beherrschend in die Erscheinung trat. —
Draußen im Vorgelände der Stadt standen wie Vorposten
vereinzelt hohe Warten, als massive Steintürme, manchmal
auch als Holztürme errichtet, deren beständige Wächter die
Turmwächter der Stadt durch optische Zeichen auf drohende
Gefahr aufmerksam machten.

Als einmal der König mit großem Gefolge Einzug hielt
und von den Bürgern der Stadt feierlich eingeholt wurde, da
waren die Wächter der Warttürme auch die ersten, die das
Herannahen des königlichen Zuges den Türmern der Stadt
meldeten; diese wiederum gaben den Türmern der Kirchen
das Zeichen zum Geläute und da begannen zuerst langsam
und feierlich, tief wie Orgelklänge, die Glocken von St. Martin,
St. Pauls helltönendes Geläute fügte sich ein, nun ließen fast
gleichzeitig St. Stephan und St. Alban ihre Stimmen erschallen
und dann wurde der Chor der Glocken stärker und stärker,
von allen Türmen der zahlreichen Kirchen und Klöster zogen
die zitternden Schallwellen hinaus und vereinigten sich zu
einem mächtigen Jubelkonzert in den Lüften zur Ehrung des
königlichen Herrn, der unten Einzug hielt. Gleißender Sonnen-
schein umwob die Pracht des festlichen Zuges, die Pracht der
Gewänder und Waffen spiegelte sich in den Harnischen der
aufgebotenen Zünfte, in den blanken Äxten der Zimmerleute,
und umspielte das vielfarbige Bild der berittenen vornehmen
Bürgersöhne, welche die Fahnenwacht bildeten, und in die
königlichen Farben gekleidet waren.
An diesem Tage wohnte der König auch der Grundstein-
legung einer neuen Kirche bei. Er war ein eifriger Förderer
der kirchlichen Baukunst und in seinem Auftrag bauten die
Bischöfe des Landes viele Kirchen, nicht der Papst, sondern
der König war ihr Schöpfer. — Der zum Leiter des Baues
bestimmte Geistliche legte die Pläne vor und auch über die
Beschaffung der materiellen Mittel durch die Geistlichkeit
wurde berichtet. Der feierlichen Handlung wohnte abseits
stehend eine Gruppe von Männern bei, deren einer von dem
nur dilettantisch gebildeten geistlichen Bauherrn dazu aus-
ersehen war, ihm seine Kenntnisse als Architekt zu widmen,
ohne öffentlich als solcher aufzutreten. Es war ein fach-
männisch gebildeter Mann, der als Bauführer schon viel herum-
gekommen war und manchen geistlichen Baumeisterdilettanten
der Bausorgen enthoben und ihm seine Fähigkeiten geliehen
hatte. Die anderen, seine Gesellen, waren Maurer und Stein-
hauer, Laienhandwerker, die ihm aus fernen Landen gefolgt
waren. Die unscheinbaren Vertreter ernster Arbeit, denen
niemand Aufmerksamkeit schenkte, waren bei dem in geschulter
Weise sich abspielenden Pomp der Zeremonie überflüssig.
Während der Bischof mit seinem Klerus im reichen Ornat
vor dem König und dem prächtigen Kreise des Gefolges und
der Ersten der Bürgerschaft die Weihe des Platzes vollzog und
in das Fundament den Grundstein fügte, während mit den
Wolken des Weihrauches Gebete für die einstige glückliche Voll-
endung des Gotteshauses zum Himmel aufstiegen, erhob sich
vor dem Geiste des schlichten, unbeachteten Baumeisters, der
sinnend zur Seite stand, der stolze, fertige Bau. Er sollte alle
Kirchen dieser Stadt übertreffen. — Da war wohl die älteste


die als Polygon gebaute Taufkirche,
mit einfachem Chorausbau im Osten
und dem unweit errichteten viereckigen
und mehrstöckigen Glockenturm.
Dieser mit spitzem Dach
abgeschlossene Kampanilehatte
kaum einen Genossen in diesem
Lande aufzuweisen, während
er ein Charakteristikum des
Südens bildet und wohl als das
Bindeglied zwischen dem mo¬
hammedanischen Minaret und
dem mit dem Kirchenbau ver¬
wachsenen Turm zu betrachten
ist, also auf den Orient als das
Ursprungsland des Kirchturms
hinweisen dürfte. Wie die
menschliche Stimme vom Mi¬
naret, so läßt die Glocke hoch
vom Turm den Ruf erschallen,
der den Gläubigen die Stunde
der Gottesverehrung verkündet.
Die andern Kirchen hatten landshvt 16-7.05:
Turm der Heiligen Oeistkirche in Landshut.
Aufnahme von M. Feller in Charlottenburg.

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